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November
2022

Indien: Massenstreiks und Selbstorganisierung

Seit 2014 regiert eine von der rechten Hindu-nationalistischen Partei des indischen Volkes, geführte Koalition unter Narendra Modi. Um internationales Privatkapital anzuziehen wurden Kündigungen und das Vorgehen gegen Gewerkschaften erleichtert und Staatsunternehmen sollen privatisiert werden. In diesem Kontext organisieren sich traditionelle Gewerkschaften und Verbände aber auch informelle und Wanderarbeiter*innen.

Arbeiter*innen in Indien mobilisieren sich gegen Privatisierung

Die Gewerkschaftsverbände (CTUs) mobilisierten gegen Modis neoliberale Politik. 12 der 13 CTUs sind direkt an politische Parteien angegliedert. Daneben besteht die parteiunabhängige Nationale Gewerkschaftsinitiative NTUI. Die CTUs organisieren vorwiegend formell Beschäftigte, die weniger als zehn Prozent der Arbeitskräfte ausmachen. Die NTUI rekrutiert vornehmlich im informellen Sektor. Kürzlich entstand zudem die MASA (Kampagne für Arbeiterrechte und Arbeitskampf) aus 14 Gewerkschaften und Organisationen. Sie kämpft auch für prekär Beschäftigte und spricht sich im Gegensatz zu den CTUs für spontane und militante Kämpfe aus. Eine weitere nationale Organisation ist die 2015 gegründete Automobilarbeitergewerkschaft AWU. Sie gehört keiner CTU an und hat diverse Kämpfe in Automobilclustern organisiert.

Im Textil- und Bekleidungssektor und im Metall- und Automobilsektor nimmt die Selbstorganisation prekär Beschäftigter in neuen radikalen Organisationen massiv zu.

Im Januar 2020 befolgten 250 Millionen Menschen einen Generalstreik.

Sie forderten einen höheren Mindestlohn, die Rücknahme der Arbeitsreformen und Privatisierungen und die Abschaffung des neuen diskriminierenden Staatsbürgerschaftsgesetzes. Kleinere kämpferische Organisationen führten die Mobilisierung an.

Fast alle öffentlichen Verkehrsmittel, Züge, Lastwagen, Autorikschas und Taxis standen still. Landarbeiter*innen errichteten Straßensperren. Studierende und Beschäftigte von 60 Universitäten streikten.

Im Dezember 2020 folgte ein zweiter Generalstreik

Kleinbäuer*innen protestierten seit September 2020 gegen neue Agrargesetze, die Indiens Landwirtschaft in die Arme privater Investoren und Konzerne drängen. Landwirtschaft ist für 50% der Bevölkerung die Haupteinnahmequelle. Nachdem Hunderttausende folgenlos in ihren Regionen protestiert hatten, stürmten sie Delhi und stießen mit der Polizei zusammen.

Im Januar 2021 setzte die Regierung die Gesetze für 18 Monate aus. Das Protestbündnis aus 175 Bauernverbänden kündigte weitere Proteste bis zur Aufhebung aller Gesetze an.
Es entstanden auch spontane Bewegungen einfacher Arbeiter*innen. 2016 gingen mehr als 100.000 Textilarbeiter*innen, zumeist Frauen, in Bangalore, Mysuru und Chennai auf die Straße, um gegen die Beschränkung der Auszahlungen ihrer Beiträge aus dem Arbeitnehmerpensionsfond zu protestieren.
Die Regierung machte einen Rückzieher. Prekäre Arbeiter*innen der Bekleidungsindustrie in Gurgaon-Manesar nutzten die Generalstreiks, um ihren Klassenkampf mit Steinen, Sprechchören und der Zerstörung von Fahrzeugen zu führen, und sich dann zurückzuziehen.

Die radikalen unabhängigen Organisationen und spontanen Bewegungen waren bisher jedoch nicht erfolgreicher als die CTUs. Die Schwäche der indischen Gewerkschaftsbewegung zeigte sich im Zuge des landesweiten Lockdowns, den die Regierung am 25. März 2020 nur vier Stunden vor Beginn ankündigte. Der Lockdown versetzte der Wirtschaft Indiens einen schweren Schlag und löste eine humanitäre Krise aus.

Besonders brutal ist er für Wanderarbeiter:innen, die meist im informellen Sektor arbeiten . Millionen von ihnen mussten die Städte und Industriegebiete verlassen und sind in ihre Dörfer gezogen, wo sie kaum Aussicht auf Beschäftigung haben. Spontane Proteste von Wanderarbeiter:innen zwangen die Regierung spezielle Arbeiter:innenzüge in Betrieb zu nehmen.

Nutzen und Weitergeben!

Erzählung: Dario Azzellini; Grafik: Carina Crenshaw

Dies ist ein visuelles Storytelling inspiriert vom Artikel "Gewerkschaftliche Mobilisierung gegen das Modi-Regime von Charvaak Pati, der in dem Sammelband "Mehr als Arbeitskampf! Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit gegen Autoritarismus, Faschismus und Diktatur (externer Link, öffnet neues Fenster)" von Dario Azzellini veröffentlicht wurde.

Diese visuelle Erzählung wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 (externer Link, öffnet neues Fenster)veröffentlicht! Teile, nutze oder adaptiere diese grafische Erzählung für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht es weiter unter den gleichen Bedingungen zu nutzen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen!

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Kommentare

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Lieber Stefan,

mit dem Begriff der Selbstorganisierung wollen wir auf den aktiven und laufenden Charakter eines Organisationsprozess hinweisen.

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Genossen,

der Begriff "Selbstorganisierung" aus dem Beitragstitel ist mir nicht bekannt. Soll dieser semantisch dem Begriff "Selbstorganisation" entsprechen oder wird dieser bewusst dialektisch eingesetzt? Falls ja, bitte ich um Erläuterung.

Vielen Dank

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