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Juni
2022

Kolumbien: Eine mörderische "Demokratie"

Kolumbien gilt als älteste Demokratie Lateinamerikas. Tatsächlich ist es ein autoritäres Regime, das seit über 100 Jahren Krieg gegen die Bevölkerung führt. Wie leistet die Bevölkerung Widerstand?

 

Die älteste Demokratie Lateinamerikas?

Historisch erzielte die Gewerkschaftsbewegung bedeutende Erfolge, wie die Rückübertragung von privaten Ölförderkonzessionen an den Staat und die Gründung der staatlichen Ölgesellschaft Ecopetrol, infolge eines Ölarbeiterstreiks. Heute sind Gewerkschaftsmitglieder fast zu gleichen Teilen im privaten (52%) und im öffentlichen Sektor (48%). Die stärksten Gewerkschaften sind im öffentlichen Sektor. 69,23% der Lehrer:innen sind gewerkschaftlich organisiert. Die Mitgliedschaft konzentriert sich in den drei größten Städten. Außerhalb herrscht Angst vor den Paramilitärs. So z.B. in den Palmölplantagen. In den 1980er- und 1990er-Jahren waren Gewerkschaften dort so erfolgreich, dass die Ölpalmenproduzenten dazu aufriefen, die Gewerkschaften von „subversiven Elementen“ zu säubern. Ab 1995, während der Tarifverhandlungen mit dem größten Produzenten, eskalierten Paramilitärs ihre Angriffe. Sie ermordeten 95 Gewerkschaftsführer, 15 verschwanden und 50 wurden gewaltsam vertrieben.

Paramilitärs mit engen Verbindungen zu Politik, Militär, Wirtschaft und Drogenhandel haben in 50 Jahren mehr als 240.000 Menschen ermordet. 1973-2018 gab es 14.842 Angriffe auf Gewerkschaften, darunter 3.186 Morde. So sind 65,7% der Arbeitskräfte informell beschäftigt und nur 4,6% gewerkschaftlich organisiert.

Die Morde gehen weiter...

Die zentrale Rolle im Kampf gegen die neoliberale Ordnung haben Bäuer*innen-, Indigenen-, Afro-, und Studierendenbewegungen übernommen. Die Meisten waren keine  Gewerkschafter*innen.

Die Ausnahme

Eine Ausnahme bildet die Lebensmittelarbeiter*innengewerkschaft Sinaltrainal, die eine klassenkämpferische Perspektive über Löhne und Arbeitsbedingungen hinaus vertritt. Viele ihrer Mitglieder wurden ermordet.

2019 wurden 279 führende Aktivist*innen sozialer Bewegungen ermordet. 85 Prozent der Opfer zuvor bedroht worden waren, entweder einzeln oder als Teil einer Gruppe, in der sie arbeiten.

Darüber hinaus wurden in 75 Prozent der Fälle, für die Informationen verfügbar sind, bereits zuvor Angriffe verübt, bei denen Kolleg*innen oder andere Menschenrechtsverteidiger*nnen getötet wurden.

Am 21.11.2019 riefen die Gewerkschaften zu einem landesweiten Streik gegen die Arbeits-, Renten- und Steuerreformen der Regierung auf. Überraschend beteiligten sich 1,5 Millionen Menschen an Protesten. Die Gewerkschaften beließen es beim einmaligen Aufruf. Studierende und Nachbarschaftsorganisationen aber setzten die Proteste fort. Die Ermordung von Dilan Cruz, einem jungen Studenten aus der Arbeiterklasse, durch die Polizei entfesselte eine Protestwelle in fast allen Städten des Landes.

Dylan Cruz war einer von drei Toten. Die Mobilisierung lag nun bei den meist neu gegründeten Nachbarschaftsorganisationen. Die Gewerkschaften sahen sich gezwungen weitere Proteste auszurufen bis die Covid-19-Pandemie zur Aussetzung der meisten Proteste führte. Inmitten der zunächst strengen Ausgangssperre entstanden in ärmeren Gegenden Proteste, um die Regierung zur Verteilung von Nahrungsmitteln zu zwingen. Der Staat antwortete mit Repression.

Im Jahr 2020 wurden 310 Menschen ermordet. Darüber hinaus und zusätzlich zu den Todesfällen, die durch die COVID-19-Pandemie verursacht wurden, gab es Morde durch offizielle Kräfte an Menschen, die sich nicht an die Ausgangssperre hielten oder die auf die Straße gingen, um staatliche Hilfen zu fordern.

Das Jahr 2020 war eines der schlimmsten Jahre für soziale Anführer und Menschenrechtsverteidiger in Kolumbien. 310 Menschen wurden aus politischen und ökonomischen Gründen ermordet. Berichten zufolge nahm die Ermordung dieser Bevölkerung in diesem Jahr um 60% zu, zumeist durch paramilitärische Gruppen und die Erben des Paramilitarismus, ohne dass die staatlichen Instanzen echte oder wirksame Maßnahmen zum Schutz der Sicherheit der Zivilbevölkerung ergriffen hätten.

Und im Jahr 2021 waren es 171 Menschen, die ermordet wurden. Am 28. April riefen zahlreiche Organisationen einen landesweiten Streik gegen die geplante Besteuerung von Niedrigeinkommen aus. Nach massiven Mobilisierungen wurde die Steuerreform zurückgezogen.

Die Proteste dauerten dennoch fünf Tage bis sie mit großer Brutalität vom Staat zerschlagen wurden: 83 Menschen wurden von der Polizei getötet und 93 verloren ein Auge durch Gummigeschosse. Bis heute bleiben diese Staatsverbrechen unbestraft.

Die Bevölkerung organisierte eigenständig Volkstribunale unter Beteiligung der Opfer, der Angehörigen der Opfer, lokaler und nationaler sozialer, politischer und kultureller Organisationen, nationaler und internationaler Persönlichkeiten und Juristen, um einen kollektiven Prozess voranzutreiben und Gerechtigkeit, Anerkennung und Wiedergutmachung für die Gräueltaten zu fordern.

Nach den massiven Mobilisierungen der letzten Jahre in Kolumbien wurde eine ausreichend starke Basis in der Bevölkerung aufgebaut, um die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 zu gewinnen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes konnte eine fortschrittliche linke Kandidatur an die Macht kommen, ohne dabei getötet zu werden, wie es in den 1980er und 1990er Jahren so oft geschah. Mit der Regierung des "Pacto Histórico" werden allmählich Maßnahmen zugunsten der unterprivilegierten Mehrheiten auf den Weg gebracht. Der Kampf ist nach wie vor an der Tagesordnung, denn der Abbau und die Reform der wirtschaftlichen und politischen Machtstrukturen der jahrhundertealten Eliten ist keine leichte Aufgabe.

Nutzen und Weitergeben!

Erzählung: Dario Azzellini und Adriana Yee Meyberg, Grafik: Carina Crenshaw

Dies ist ein visuelles Storytelling inspiriert vom Artikel "Gewerkschaftsarbeit unter einem autoritären Regime" von Gearóid Ó Loingsigh, der in dem Sammelband "Mehr als Arbeitskampf! Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit gegen Autoritarismus, Faschismus und Diktatur (externer Link, öffnet neues Fenster)" veröffentlicht wurde.

Diese visuelle Erzählung wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 (externer Link, öffnet neues Fenster) veröffentlich!Teile, nutze oder adaptiere diese grafische Erzählung für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen!

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