Was haben Feminismus und Krankenhausstreiks miteinander zu tun?

Für mehr Personal, Entlastung und eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung! Die Krankenhausbewegung hat in den letzten Jahren mit umfangreichen Streiks für eine Verbesserung der Situation von Patient*innen und Beschäftigten gekämpft. Welche Rolle Feminismus im Kampf gegen Kostendruck und Gewinnorientierung im Krankenhaus spielt, erfahrt ihr hier.

Beschäftigte streiken im Krankenhaus für mehr Personal, Entlastungen und eine bessere Gesundheitsversorgung.

Geschäftslogik im Krankenhaus

Bundesweit beklagen Pflegekräfte und Beschäftigte im Krankenhaus schon lange, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren massiv verschlechtert haben. Kritisiert wird in erster Linie die Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf das sogenannte Fallpauschalen- oder DRG-System (Diagnosis Related Groups). Denn dieses hat dazu geführt, dass Krankenhäuser nach einer betriebswirtschaftlichen Logik organisiert werden.

Was ist das Fallpauschalen- oder DRG-System?

Diagnosis Related Groups (DRG) sind Fallgruppen, in die Patient*innen je nach ihrer Diagnose, Krankheitsschwere und Begleiterkrankungen eingeteilt werden. Für jede dieser Gruppen sind feste Pauschalen festgelegt, die bestimmen, wie viel Geld Krankenhäuser für die Behandlung der Patient*innen erhalten. Abhängig von der Fallgruppe können manche Behandlungen also gewinnbringender sein als andere. Wenn Krankenhäuser nach diesem System nicht kostendeckend arbeiten, droht ihnen Schließung oder Verkauf.

Gewinnlogik und Ökonomisierung im Krankenhaus
Das zieht zum Beispiel nach sich, dass vor allem Behandlungen durchgeführt werden, die viel Geld bringen. Oder, dass Personal abgebaut oder Beschäftigte aus dem Krankenhaus „outgesourct“, d.h. ausgegliedert werden und in einem Tochterunternehmen arbeiten. Dort verdienen sie weniger als die Beschäftigten im Krankenhaus, weil sie nicht mehr nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes bezahlt werden, der meist höhere Gehälter vorsieht als andere Tarifverträge oder fehlende tarifliche Bindung. Diese sogenannte „Ökonomisierung“ im Krankenhaus führt also dazu, dass Kosten eingespart werden auf dem Rücken von Beschäftigten und einer guten Versorgung der Patient*innen.

Was aber haben nun Feminismus und Krankenhausstreiks miteinander zu tun?

Die Ökonomisierung des Krankenhausalltags setzt Gesundheit nicht einfach nur in Wert – also organisiert sie so, dass dabei Gewinne entstehen können. Sie tut dies auf eine besondere und altbekannte Weise. Denn mit der Einführung des DRG-Systems hat eine neue und zugleich alte Hierarchisierung von Tätigkeiten in der Pflegearbeit und Geburtshilfe stattgefunden: Medizinisch-technische, zeitlich gut erfassbare Tätigkeiten wie das Verabreichen von Medikamenten, das Legen von Kanülen oder Spitzen werden stärker gewichtet. Tätigkeiten wie das Zuhören, Vertrauen schenken, Haare waschen oder andere wichtige Dinge, die zur Genesung von Patient*innen bedeutsam sind, werden hingegen als weniger wichtig erachtet.

Klemmbrett auf dem steht: "Nicht lukrativ: Zuhören, Vertrauen schaffen, Beziehungsarbeit, auf Bedürfnisse eingehen"
Das heißt: Es entsteht ein Druck, diese Tätigkeiten möglichst wegzusparen. Für die Patient*innen im Krankenhaus bedeutet dies: Gespräche werden weggespart, für Sorgen, Ängste oder für den Wunsch nach frisch gewaschenen Haaren bleibt kein Platz, für Vertrauensbeziehungen keine Zeit. Kurzum: Die Ökonomisierung zeigt sich am Wegsparen von Fürsorge, von emotionaler, sozialer und kommunikativer Arbeit, von all dem, was mehr ist als nur die Verwaltung von menschlichen Körpern. Das ist kein Zufall. Es folgt einer männlich-kapitalistischen Logik. Also einer Logik, in der Tätigkeiten höher gewichtet werden, die eher Männern zugesprochen werden.
Patient vor einem Krankenhausbett mit einer Denkblase: "Wurde ich vergessen? Warum kommt niemand?"
Was in den Krankenhäusern aktuell passiert und wogegen sich die Beschäftigten in ihren Kämpfen wehren ist zum einen also der Kostendruck und die immer weitere Kürzung von Personal – sodass sie unter Zeitdruck arbeiten müssen bis zur Erschöpfung. Es ist zum anderen aber auch das Wegsparen von Arbeiten, die aus Sicht von Beschäftigten und Patient*innen wichtig sind für die Gesundung. Dazu gehören das Trösten bei Ängsten, das Erklären davon, was genau passiert oder die Körperpflege, damit es Menschen gut gehen kann, auch wenn sie im Krankenhaus liegen. Wenn eine Mutter nach der Geburt im Krankenhaus zum Beispiel nicht auf die Toilette gehen kann, weil das neugeborene Baby schreit und die Hebammen auf der Station keine Zeit haben, sich darum zu kümmern und ihr zu erklären, wie sie mit der neuen Situation umgehen kann – ist das kein Zustand, den wir hinnehmen wollen.

Was waren wichtige Streiks der letzten Jahre?

In den letzten Jahren hat es die von Ver.di initiierte Berliner Krankenhausbewegung geschafft, mit ihren Streiks in den beiden größten landeseigenen Krankenhäusern von Charité und Vivantes sowie bei den Tochterunternehmen von Vivantes für Schlagzeilen zu sorgen. Damit hat sie die Berliner Gesundheitsversorgung in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Auch in Nordrhein-Westfalen gab es umfassende Streiks: In sechs Unikliniken fanden hier die bisher größten und längsten Streiks für Entlastung statt, die es seit dem ersten Streik für mehr Personal an der Charité 2015 gegeben hat.

Entlastung an Unikliniken in NRW

In einem zähen, aber kraftvollen Ringen ist es auch den Beschäftigten in NRW gelungen, Entlastungen zu erkämpfen. Das heißt: Mehr Personal auf den Stationen in der Pflege, für die Geburtshilfe und Hebammen. Aber auch für andere Bereiche wie die Speiseversorgung oder der Krankentransport, die zwar nicht direkt mit der Patient*innenversorgung zu tun haben, aber dennoch unerlässlich sind für eine gute Gesundheitsversorgung im Krankenhaus .

 

 

Aus Sorge kämpfen für die Sicherheit von Patient*innen und guter Geburt!

Die Krankenhausstreiks setzen sich also ein: Für mehr Personal und eine Entlastung von unzumutbaren Zuständen in den Krankenhäusern. Und für eine menschenwürdige Versorgung, in der es nicht nur um Geld, sondern um das Wohlergehen der Patient*innen geht. Das geht aber nur, wenn nicht verschiedene Arbeitsschritte gegeneinander ausgespielt werden. Sondern wenn klar ist, dass alle diese Dinge für eine gute Versorgung wichtig sind!

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Ein Beitrag von Julia Dück. Online Redaktion: Alina Kopp. Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 (externer Link, öffnet neues Fenster) (externer Link, öffnet neues Fenster) veröffentlicht! Teile, nutze oder adaptiere diese grafische Erzählung für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei L!NX und die Autor*innen zu erwähnen!

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