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Dezember
2025

Wie geht politische Bildung?

Nur mit politischer Bildung wird der Aufbau und die Weiterentwicklung einer Linken möglich, die Zukunft erzählen und machen kann. Ein paar Tipps und Hintergründe für alle, die politische Bildung planen.

Was ist das überhaupt – politische Bildung?

Politische Bildung unterstützt Menschen dabei, zu lernen, die Gesellschaft zu verstehen und handlungsfähig zu werden. Politische Bildung liefert all das, was wir brauchen, um uns eine Meinung zu bilden und uns einzumischen. „Die Menschen machen ihre Geschichte selbst“, schrieb Karl Marx. Die Zukunft ist offen und gestaltbar – auf diesen Annahmen basiert linke politische Bildung.

Was macht linke politische Bildung aus?

„Niemand ist zu klein, um einen Unterschied zu machen“, sagte die Klima-Aktivistin Greta Thunberg – und genau in diesem Sinne will linke politische Bildung dazu ermutigen, sich selbst und die Verhältnisse (selbst-)kritisch zu hinterfragen und, wo nötig, auch zu verändern. Politische Bildung ist ein gutes Mittel sowohl gegen einfache Antworten, Vorurteile und Ressentiments als auch gegen Ohnmacht und Resignation.

Linke politische Bildung wird oft mit Begriffen wie emanzipatorisch, kritisch oder transformativ gelabelt. Praktisch bedeutet das, gemeinsam handeln zu wollen, Partei zu ergreifen für ausgegrenzte gesellschaftliche Perspektiven und Bildung auf progressive Veränderungen hin zu einer Gesellschaft der Freien und Gleichen auszurichten. Der Kern einer linken politischen Bildung ist demnach die Verknüpfung des Handelns im Hier und Jetzt bei gleichzeitigem Gestalten von Zukunft – immer im Wechselspiel von  „besser werden und anders sein“.

Linke Pädagog*innen und Aktivist*innen

Dies ist ein hoher Anspruch und es verlangt der konkreten Praxis einiges ab, sowohl was die Auswahl der Themen des Lernens angeht als auch der Art und Weise, wie gelernt wird. Mit diesen Fragen beschäftigen sich Pädagog*innen und politische Aktivist*innen seit vielen Jahrzehnten. Beispielhaft stehen hierfür Autor*innen wie Paulo Freire, Klaus Holzkamp, Oskar Negt, Maria do Mar Castro Varela oder Frigga Haug.

Schritt 1: Wofür lernen wir?

Schritt 1

Die Motivation, zu Lernen

Um gute Bildung machen zu können, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es sehr unterschiedliche Motive gibt zu lernen:  

  • expansive Lernmotive: Hier geht es um die Vergrößerung von Handlungsspielräumen, die Verbesserung von Lebensqualität und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Sehr wahrscheinlich sind diese Motive stark, wenn z.B. eine politische Gruppe sich entscheidet, ein Seminar zu social media zu besuchen, um ihre Reichweite zu erhöhen oder sich in Vorbereitung einer mietenpolitischen Kampagne zusammen Texte, Videos und Veranstaltung zum Thema erschließt.
  • defensive oder fremdgesetzte Lernmotive: Hier wird gelernt, um Sanktionen abzuwehren, weil Belohnung winkt oder weil es die Bedingung für den Erhalt der Lebensbedingungen ist. Oft sind diese Lernmotive in schulischen Lernsituationen zu finden: ich lerne, um keinen Ärger mit meinen Eltern zu bekommen, das nächste Schuljahr zu erreichen, usw. Aber auch auf linken Bildungsveranstaltungen findet man häufig Menschen, die lernen, um mit Wissen anzugeben, die große Angst etwas falsches zu sagen, etc. 

Viele bleiben stark geprägt von Erfahrungen aus Schule und Universität. Vor der konkreten Gestaltung der Bildungsveranstaltung sollte – möglichst im Dialog mit denjenigen, die ich erreichen will – nach eben diesen Motiven gefragt werden. Damit können Erwartungen, Befürchtungen und damit verbundene Verhaltensweisen mitgeplant werden, dass es für die Teilnehmenden eine positive Lernerfahrung wird. 

Schritt 2: Wie lernen wir?

Und wenn es mit einer überzeugenden Ausschreibung und Ansprache gelingt, Zielgruppen zu Teilnahme zu bewegen, stellt sich als nächstes die Frage, wie Menschen eigentlich lernen.

Dafür ist es wichtig zu verstehen, dass sich Wissen nicht einfach vermitteln lässt, sondern Personen sich Wissen selbst aneignen müssen. Die Vorstellung von schulischem Lernen oder beruflicher Ausbildung führt hier in die Irre. Bildung ist kein Gesamtpaket, mit dem Teilnehmende alte Sichtweisen quasi überschreiben und mit neuem Wissen ersetzen. Denn Menschen (und insbesondere Erwachsene) haben häufig bereits eine Vielzahl an Wissensfragmenten, Lebenserfahrungen und auch begründete Vermutungen zu den Themen einer Bildungsveranstaltung.  

Sie lernen etwas, indem sie bereits vorhandene Sichtweisen mit den neuen Wissensangeboten abgleichen. Sie prüfen jeweils, ob das neu Dargebotene passender für die Bewältigung der Herausforderungen ist, wegen denen sie als Person an der Veranstaltung teilnehmen, oder eben auch nicht. Das bedeutet: Der Akt des Lernens muss durch die Teilnehmenden selbst erfolgen. Deshalb sollte Lernen so gestaltet sein, dass die Prüfung, Aneignung und Integration neuen Wissens bestmöglich unterstützt wird. Vorstellen kann man sich diesen Prozess als Lernzyklus. 

Der Lernzyklus nach Kolb (1984)

Schaubild, das den Lernzyklus nach Kolb darstellt, der im folgenden beschrieben ist.
Dem folgend holt politische Bildung zunächst für das Thema relevante Erfahrungen aus dem Alltag der Teilnehmenden in den Raum. Im Anschluss können die unterschiedlichen Erfahrungen auf gemeinsame Muster untersucht werden. Diese gemeinsame Reflexion bildet den Ausgangspunkt für eine Begriffsbildung, etwa durch Theorien oder Modelle und in der Folge das Wählen und Einüben passender Handlungsoptionen. Im besten Falle holt politische Bildung die Welten der Teilnehmenden in den Lernprozess, knüpft Begriffsbildung an diese an und priorisiert Handlungsoptionen danach, wie sie für die jeweiligen Welten passen. Die Lernenden haben so entscheidenden Einfluss darauf, was, wie und wozu gelernt wird.

Darin liegt auch das utopische Potenzial subjektorientierter Bildung. Um dieses Potenzial zu nutzen ist es wichtig, die Vielfalt der Perspektiven einer künftigen Gesellschaft im Raum schon sichtbar zu machen. Wir sollten uns daher für die unterschiedlichen Erfahrungen und Beweggründe der Teilnehmenden interessieren. Denn nur dann entsteht ein kritischer Dialog darüber, wie das Gelernte in der jeweiligen Praxis wirksam werden soll.

Schritt 3: Wie sollen Bildungsveranstaltungen aussehen?

Schritt 3: Wie planen wir Bildungsveranstaltungen?
Deshalb ist es wichtig, dass Bildungsveranstaltungen so geplant werden, dass sie Treff- und Vernetzungspunkte für eine breite und plurale Linke sind. Orte, an denen die Teilnehmer*innen Ermutigung erfahren, Entscheidungen treffen lernen, Bündnisse anbahnen können und dort schon im Heute die Visionen von morgen leben. Kurz: Orte, die zu Ausgangspunkten für gesellschaftliche Veränderung werden. Und das muss mitgeplant werden.

Die Welt braucht motivierte und entschlossene Menschen, die hier und jetzt politische Bildung in die Hand nehmen. Und plant auch das Scheitern als Anlass für das nächste und bessere Bildungsprojekt mit ein. Checklisten, Tipps für die Planung einer Bildungsveranstaltung in diesem Sinne von der Begrüßung bis zum Fallen des Vorhangs findet ihr auch in der hier verlinkten Broschüre (externer Link, öffnet neues Fenster).

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Text von Silke Veth. Online Redaktion von Alina Kopp.
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