Wehrpflicht 2.0 oder freiwillig in den Krieg?

In diesem Beitrag erfährst du, was mit dem neuen Wehrdienstgesetz in Deutschland beschlossen wurde und wie das Recht zur Kriegsdienstverweigerung genutzt werden kann. Wir werfen einen Blick auf internationale Perspektiven zu Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung und setzen uns mit Solidaritätsbewegungen der Vergangenheit als Gegenperspektive zu den bundesdeutschen Aufrüstungsplänen auseinander.

"Wehrpflicht 2.0?" vor einem Hintergrund aus Soldaten

Das neue Wehrdienstgesetz

Person sitzt vor einem computer und füllt den Fragebogen aus
Im November 2025 hat die Merz-Regierung das neue Wehrdienstgesetz beschlossen. Ab 2026 bekommen alle 18-Jährigen einen QR-Code zum Fragebogen der neuen Wehrerfassung. Die genauen Fragen sind noch nicht veröffentlicht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie sich sowohl auf die körperliche Verfassung und Stressresistenz, als auch auf die politische Bereitschaft beziehen werden. Für Männer ist der Fragebogen verpflichtend, für Frauen freiwillig. Ab 2026 tritt zusätzlich eine verpflichtende Musterung für alle ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer in Kraft. Der Wehrdienst selbst bleibt vorerst freiwillig. Melden sich zu wenige Freiwillige, plant der Bundestag eine "Bedarfswehrpflicht" einzuführen und damit eine bestimmte Anzahl an jungen, zufällig ausgewählten Männern zum Wehrdienst zu verpflichten. Die Regierung möchte die Zahl der aktiven Soldat*innen von rund 180.000 auf 260.000 erhöhen. Auch die Zahl der Reservist*innen soll von rund 40.000 auf 200.000 erhöht werden. Auf freiwilliger Basis lässt sich dieses Ziel jedoch nur schwer erreichen. Militärexpert*innen Deutschlands sind überzeugt, dass die Pflicht zum Wehrdienst ein unvermeidbarer nächster Schritt sein könnte.

Jugend im Visier

2011 wurde die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Seitdem gibt es eine Freiwilligenarmee. Im freiwilligen Wehrdienst liegt das monatliche Einkommen derzeit zwischen rund 1.800 und 2.300 Euro brutto. Im Rahmen des neuen Wehrdienstgesetzes wird der Sold ab 2026 auf 2.600 Euro brutto ansteigen. Im Vergleich dazu liegt die durchschnittliche Ausbildungsvergütung in Deutschland im Jahr 2024 bei etwa 1.100 Euro brutto monatlich. Die Bundeswehr wird außerdem künftig einen Teil der Kosten für den Erwerb des zivilen Auto- und LKW Führerscheins erstatten, wenn man sich länger als 12 Monate für die Bundeswehr verpflichtet. Diese Maßnahmen sind Teil der Anreize, die im Rahmen des neuen Wehrdienstgesetzes vorgesehen sind, um mehr junge Menschen für den Dienst bei der Bundeswehr zu gewinnen. Ergänzend zu den bereits bestehenden Vergünstigungen, wie der (unter bestimmten Bedingungen) kostenlosen Nutzung der Bahn, sind das Vorteile, die andere Berufsgruppen wie etwa Pfleger*innen oder Erzieher*innen nicht erhalten, obwohl ihr Beitrag für die Gesellschaft unverzichtbar ist und es jetzt schon akut an Nachwuchskräften mangelt. 

Überall im Alltag begegnet uns gerade das Thema Krieg. Wieso das so ist und was das mit dem neuen Wehrdienstgesetz zu tun hat, erfährst du in unserem Beitrag zur Militarisierung der Gesellschaft.

 

Militarisierung der Gesellschaft
grafik mit jugendlichen denen Geld angeboten wird, Soldaten zielen auf sie
Die Strategie des neuen Wehrdienstgesetztes wird deutlich: Jungen Menschen wird eine Perspektive geboten wie sonst nirgendwo auf dem Arbeitsmarkt. Soldat*innen kommen zum Großteil aus der arbeitenden und armen Bevölkerungsschicht. Prekarität und Perspektivlosigkeit werden ausgenutzt, um das Land zu rüsten. 

Für den Fall, dass die Anreize des neuen Wehrdienstgesetzes nicht ausreichen, um Mittels Freiwilligkeit die Aufrüstungsziele der Regierung zu erfüllen, gibt es bereits den Plan der “Bedarfswehrpflicht”. Dieser kann theoretisch jederzeit vom Bundestag beschlossen und verabschiedet werden. Mittels Zufallsverfahren werden dann junge Männer zum Wehrdienst verpflichtet.
Auch das Wiedereinführen der allgemeinen Wehrpflicht - wie sie vor 2011 war - wäre durch einen Bundestagsbeschluss möglich. Die Wehrpflicht ist nämlich weiterhin im Grundgesetz (öffnet neues Fenster) festgeschrieben. Im Rahmen der neuen “Bedarfswehrpflicht” wird das jedoch erstmal nicht nötig sein, da Männer unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit bei “Bedarf” ohnehin verpflichtet werden können.

Kriegsdienstverweigerung in der BRD

Das Grundgesetz garantiert seit 1949 das Recht auf Kriegsdienstverweigerung.

Art. 4 Abs. 3 GG: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“

Damit ist das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein grundgesetzlich garantiertes, individuelles Freiheitsrecht, das auch weiterhin gilt. Dieses Recht ist theoretisch auch im Krieg gültig und darf nicht ausgesetzt werden. Man kann jedoch stattdessen zum zivilen Kriegsdienst verpflichtet werden. Dazu zählen unter anderem Pflichtdienste in der Infrastruktur oder der Dienst in zivilen Unterstützungseinheiten, aber auch eine zwangsweise Beschäftigung in der Rüstungsindustrie.

Kriegsdienstverweigerung - Wie funktioniert das? 
Hier findest du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Beantragung (externer Link, öffnet neues Fenster) bei der DFG-VK.
 

DFG-VK

Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK) ist eine pazifistische Organisation, die sich für Abrüstung, Gewaltfreiheit und die Abschaffung von Militär und Krieg einsetzt. Gegründet 1892 als Deutsche Friedensgesellschaft ist sie die älteste Organisation dieser Art. Die DFG-VK unterstützt unter anderem Kriegsdienstverweigerer*innen, kritisiert Rüstungsprojekte und organisiert Kampagnen gegen Militarisierung, Waffenexporte und Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Praktische Umsetzung und Hürden

In der Praxis mussten Kriegsdienstverweigerer*innen in der Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte hinweg ein formalisiertes Antragsverfahren durchlaufen, in dem sie ihre Gewissensentscheidung nachvollziehbar begründen mussten. Kriegsdienstverweigerung ist kein einfacher Verwaltungsakt, obwohl er das im Hinblick auf das Grundgesetz durchaus sein könnte. Stattdessen muss detailliert dargelegt und persönlich begründet werden, warum einem das eigene Gewissen den Dienst mit der Waffe zwingend verbietet. Politische, moralisch-ethische, religiöse oder humanitäre Gründe sind kein hinreichender Grund. 
Bis 1983 fanden sogenannte Gewissensprüfungen statt: Persönliche Anhörungen vor speziellen Prüfungsausschüssen, bei denen die Antragsstellenden detailliert befragt wurden.
 

Teil dieser persönlichen Anhörung waren Szenarien wie:

politiker der vor Mikrofonen steht und fragt "was würdest du tun, wenn jemand deine Schwester angreift?"
Diese Fragen legten den Schwerpunkt auf den Schutz der eigenen Familie, statt auf die Verteidigung des Staates. Im Ernstfall können Soldat*innen ihre unmittelbaren Familien jedoch nicht schützen, da sie den Befehlen des Staates folgen müssen und oft weit von zu Hause stationiert sind.

Zivildienst also?

Ab Mitte der 1980er-Jahre genügte ein schriftlicher Antrag zur Kriegsdienstverweigerung. Man wurde vom Wehrdienst befreit und dem Zivildienst zugeteilt, der in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern, der Altenpflege und Behindertenhilfe geleistet wurde. Eine Wiedereinführung der Wehrpflicht heutzutage würde zwangsläufig auch die Wiedereinführung des Zivildienstes mit sich bringen.
Deutschland leidet aktuell unter Personalmangel im sozialen Sektor. Schuld daran ist unter anderem die unzureichende Bezahlung für die betroffenen Berufe. Strukturelle Veränderung, durch z.B. verbesserte Löhne in der Pflege, ist angesichts des stark wachsenden Aufrüstungsbudgets eher unwahrscheinlich. Zivildienstleistende würden diesen Personalmangel vorübergehend auffangen. So könnte die Regierung die Kürzungspolitik im bereits kaputtgesparten sozialen Sektor auf Kosten der jungen Menschen fortsetzen. Eine stabile und langfristige Lösung wäre das jedoch nicht.
Der Zivildienst ist zeitlich begrenzt. Deshalb müsste ständig neues Laienpersonal eingearbeitet werden, wodurch eine nachhaltige, strukturelle Lösung ausbleibt.

bild mit marschierenden Soldaten, auf dem bild steht "Wehrdienst International"
truppe an Soldaten vor einem menschen mit dem Schild 'human rights'
Wehrdienst wird weltweit sehr unterschiedlich geregelt. Zum Beispiel gibt es in Thailand ein Losverfahren für den Wehrdienst – ja, genau so, wie es klingt – und in Israel dauert der Pflichtwehrdienst für Männer sogar drei Jahre, für Frauen zwei Jahre. Als Faustregel gilt: Heute haben weltweit weniger als 30 Länder eine allgemeine Wehrpflicht für ganze Jahrgänge. Viele Länder nutzen stattdessen selektive oder gemischte Modelle. Auch die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung unterscheidet sich stark. Manche Staaten erkennen Verweigerung überhaupt nicht an und verankern kein Recht darauf in ihrer Verfassung. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) setzt sich zunehmend dafür ein, Bürger*innen vor Menschenrechtsverletzungen durch verpflichtenden Kriegsdienst zu schützen. Rechtliche Grundlage dafür ist die Europäische Menschenrechtskonvention.

Werft einen Blick auf die Karte und klickt euch durch, um mehr über die Wehrdienstbestimmungen in den einzelnen Ländern zu erfahren.

Kriegsdienstverweigerung als internationale Solidarität

Kriegsdienstverweigerung ist nicht nur eine individuelle Gewissensentscheidung.
Sie ist oft auch kollektiver Widerstand gegen staatliche Kriegspolitik. Bewegungen der Kriegsdienstverweigerung haben historisch in fast jedem großen Konflikt Solidarität (öffnet neues Fenster) über Grenzen hinweg entwickelt, um die Absichten der eigenen Regierung an die Öffentlichkeit zu bringen und Kriege zu beenden. Diese Bewegungen bestanden zu einem großen Teil aus Deserteur*innen. Deserteur*innen sind Menschen, die den Militärdienst verlassen, ohne offiziell entlassen zu sein, oft aus moralischen oder sicherheitsrelevanten Gründen. Als sogenannte Fahnenflüchtige riskieren sie dabei meist hohe Strafen - bis hin zur Todesstrafe.
 


Im Zeitstrahl seht ihr prägende Beispiele von internationalen Solidaritätsbewegungen:

Ausblick

Generationen junger Menschen weltweit sind mittlerweile von Unsicherheit und destabilisierter Geopolitik geprägt. Angesichts der aktuellen Entscheidungen rund um das neue Wehrdienstgesetz ist die Verpflichtung zum Wehrdienst ein tatsächlich möglicher, nächster Schritt. Doch auch damit endet der Handlungsspielraum für die Betroffenen nicht. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist relevanter als je zuvor.
An vergangenen Konflikten lässt sich erkennen, dass es internationale Zusammenarbeit und Solidarität im Kampf gegen staatliche Kriegspolitik braucht. Auch in Deutschland gibt es zunehmend junge Leute, die gegen das Wiedereinführen einer Wehrpflicht und dem Beschneiden ihrer Zukunft laut und aktiv werden.

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Beitrag & Online Redaktion von Ian Riess.
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