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Juli
2026

Was tun gegen Krieg? Aktionsformen für den Frieden

Von Demonstrationen über Protestcamps, Schulstreik, Kriegsdienstverweigerung bis hin zur Desertation: Dieser Beitrag bietet einen Überblick über alte und neue Aktionsformen, mit denen sich Menschen Militarisierung, Aufrüstung und Krieg widersetzen.

Gegen den Krieg aktiv werden – aber wie und warum?

Sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart gibt es viele Beispiele von Bewegungen und Aktionen, die – mal mehr, mal weniger erfolgreich – Widerstand gegen Krieg, Militarismus und Aufrüstung geleistet und für eine friedliche Gesellschaft gekämpft haben. Dabei stehen immer wieder ähnliche Fragen im Raum: Kritisiert man lediglich Krieg und Aufrüstung oder ganz grundsätzlich eine Gesellschaft, die Krieg als Mittel der Konfliktlösung denkbar macht? Wie und mit welchen Mitteln leistet man Widerstand? Und wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der ein nachhaltiger Frieden möglich wäre? 

Pazifismus oder Antimilitarismus?

Zur Diskussion dieser Fragen finden sich in Antikriegsbewegungen der Geschichte und Gegenwart immer wieder die Begriffe Pazifismus und Antimilitarismus. Beide Begriffe sind zwar eng miteinander verbunden, bezeichnen aber nicht dasselbe. Man kann sie als Oberbegriffe verstehen, die weitere Ausprägungen und Strömungen unter sich vereinen.

Wie gegen Krieg und für den Frieden aktiv werden?

Da Militarisierung die gesamte Gesellschaft umfasst, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Nachbarschaft für eine friedliche Gesellschaft einzusetzen. Im Folgenden finden sich sowohl historische als auch aktuelle Beispiele für Widerstand gegen Krieg.

Protestcamps

Protestcamps in der antimilitaristischen Friedensbewegung haben eine lange Tradition. Sie zielen darauf ab, durch langanhaltende, physische Präsenz und gewaltfreien Protest auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen und politische Forderungen zu erreichen.

Protestcamps in der Friedensbewegung

Protestcamps in der Friedensbewegung finden häufig an bedeutenden Standorten der Rüstungsindustrie oder des Militärs statt. In der historischen Friedensbewegung ist das Camp an der Mutlanger Heide (1983) ein wichtiger Bezugspunkt. In Mutlangen sollten als Resultat des NATO-Doppelbeschlusses amerikanische Pershing II-Raketen – atomare Mittelstreckenraketen – stationiert werden. Mit Blockaden, an denen sich bis zu 1.000 Menschen beteiligten, sollte die Stationierung dieser Raketen verhindert werden – vergeblich. Mutlangen blieb allerdings ein wichtiger Ort der Friedensbewegung, in dem sich weiterhin jedes Jahr Menschen versammelten, um antimilitaristischen Widerstand zu leisten.

Das aktuell (2026) größte antimilitaristische Bündnis in Deutschland wurde 2018 unter dem Namen „Rheinmetall Entwaffnen“ gegründet. Das Bündnis organisiert jährlich große Protestcamps, klärt die Gesellschaft über die Verstrickungen zwischen Krieg und Wirtschaftsunternehmen auf und führt Blockadeaktionen durch. Das letzte große Camp fand 2025 mit knapp 1.300 – mehrheitlich jungen – Menschen statt. Im Verlauf des Camps wurde Infrastruktur der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie blockiert. Dazu zählt das Karrierecenter der Bundeswehr und die Werkstore der Deutz AG in Köln sowie Zufahrten von „Rheinmetall Protection Systems“ in Bonn.

Auch fand im August 2025 der „March to Airport Leipzig“ mit anschließendem Protestcamp statt. Der Flughafen Leipzig/Halle ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für Waffenlieferungen in die ganze Welt. Über DHL werden täglich Waffenteile in die ganze Welt verfrachtet, die für materiellen Nachschub an den Kriegsfronten sorgen.

Protestcamps: Protestcamps an Universitäten

Die Proteste der internationalen Studierendenbewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erreichte, sind wichtige Ausgangspunkte für Antikriegsbewegung an Universitäten. International protestierten Studierende gegen die Fortsetzung des Vietnamkriegs, gegen die US-Militärpolitik sowie gegen die Kooperation von universitären Einrichtungen und Rüstungsforschung. Nach der US-amerikanischen Ausweitung des Kriegs auf Kombodscha 1970 veranstalteten Studierende in den USA einen nationalen Streik, bei dem an ca. 900 Universitäten „Walk-Outs“ aus universitären Veranstaltungen durchgeführt wurden. Die Proteste wurden mit massiver Repression durch die US-amerikanische Regierung beantwortet. Antikriegsgruppen wurden vom Geheimdienst der USA überwacht und infiltriert. Nach der Ermordung von vier Studierenden an der Kent State University durch die Nationalgarde weitete sich der Streik enorm aus und über vier Millionen Studierende in den USA beteiligten sich an den Protesten. In Westdeutschland gab es ebenfalls eine starke Studierendenbewegung, die 1968 u.a. den internationalen Vietnamkongress an der TU Berlin mit 5000 Teilnehmenden und Demonstrationen mit tausenden Teilnehmer*innen organisierte.

Auch heutzutage gibt es noch Protestcamps an Universitäten. Seit Frühjahr 2024 organisierten sich weltweit Protestcamps mit der Besetzung von Universitäten, um gegen israelische Kriegsverbrechen zu protestieren und einen von der UN als Genozid eingestuften Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung zu stoppen. Angefangen mit Protesten an der Columbia University Mitte April 2024 hat es laut BBC an fast 140 Hochschulen in den USA Proteste gegeben. Auch in mehreren deutschen Städten, wie in Leipzig, Berlin oder Bonn, haben Universitätsbesetzungen für einen gerechten Frieden in Nahost stattgefunden. Gegen die Camps wurde mit starker Repression und Polizeigewalt vorgegangen.

Protest in der Nachbarschaft: Berliner Bündnis gegen Waffen­­­­­produktion

Mit dem historisch erhöhten Militärbudget Deutschlands insbesondere seit 2022 befindet sich die Rüstungsindustrie im Aufschwung. Viele Unternehmen in der Mobil- und Elektroindustrie stellen ihre Produktion auf Rüstungsgüter um. Diese versprechen höhere Profite für Unternehmer*innen und Aktionär*innen als die seit Jahren kriselnde Automobilbranche.  Auch Rheinmetall, der größte Rüstungsproduzent Deutschlands, stellt seine Produktion im Pierburg-Werk im Berliner Stadtteil Wedding von Autoteilen auf die Produktion von Artilleriemunition um. Die dort hergestellten Munitionshülsen werden an einem anderen Standort befüllt und dann weltweit exportiert, vorwiegend an andere NATO-Staaten.

Dies hat Widerstand unter Anwohner*innen in der direkten Umgebung des Werks hervorgerufen: Das „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“ umfasst zahlreiche Organisationen, die sich zusammenschließen, um diese Waffenproduktion im Wedding zu verhindern. Nachbar*innen, Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen leisten Widerstand mithilfe von Protestcamps, Blockaden, Demonstrationen, Aktionstagen, Bildungsarbeit, Spendenkampagnen und nachbarschaftlicher Vernetzung. Sie fordern bezahlbare Mieten und Lebensmittel, gute Sozial- und Gesundheitsvorsorge sowie den Erhalt der Arbeitsplätze im Wedding durch die Umstellung auf eine Produktion, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner*innen orientiert. Zudem fordern sie Milliardeninvestitionen in Bildung und Soziales statt in die Rüstungsindustrie.

Streik

Unter Streik wird eine kollektive Arbeitsniederlegung von (lohn)-abhängigen Arbeiter*innen zur Durchsetzung ihrer Forderungen bezeichnet. Der erste dokumentierte Streik fand bereits 1159 v. Chr. im alten Ägypten statt, als Handwerker nicht für ihre Arbeit entlohnt wurden, diese kollektiv niederlegten und anschließend einen Tempel besetzten. Während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert setze sich der Streik als wirksames Mittel im Arbeitskampf durch. Auch in der antimilitaristischen Bewegung gibt es zahlreiche historische und aktuelle Beispiele für bedeutende Streiks.

Streik: Januarstreik 1918

Im Januar 1918 fand der erste politisch motivierte Massenstreik im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn statt, der eine Beendigung des Ersten Weltkrieges forderte. Dabei schlossen sich im deutschen Reich bis zu einer Million Arbeiter*innen dem Streik an, große Teile davon aus der Rüstungs- und Metallindustrie. Zentrale Forderungen der Streikenden waren unter anderem eine Entmilitarisierung der Betriebe, ein baldiger Friedensschluss und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Mit diesem politischen Streik signalisierten die Arbeiter*innen ihre Kriegsmüdigkeit und den Wunsch nach sozialen Reformen im eigenen Land. Die Regierungen reagierten mit heftigen Verhaftungswellen.

Streik: Kieler Matrosen- und Arbeiter*innenaufstand

Beim Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand verweigerten Matrosen aus Kiel in den letzten Kriegstagen am 1. November 1918 auf offener See den Befehl, zur „Ehrenrettung“ der deutschen Marine in einen aussichtslosen Kampf gegen England zu ziehen. Daraufhin solidarisierten sich tausende Arbeiter*innen und weitere Matrosen mit den Aufständischen, die wegen ihres Widerstandes in Haft saßen. Im Zuge der Aufstände bildeten sich Soldaten- und Arbeiter*innenräte, erste Solidaritätsstreiks weiteten sich zu einem Generalstreik aus und schließlich konnten die Räte die Führung in Kiel übernehmen. Den Matrosen und Arbeiter*innen ging es also nicht nur darum, sich dem Krieg zu verweigern – sondern auch darum, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, die langfristig Gerechtigkeit und Frieden für die Bevölkerung versprach. Der Matrosen- und Arbeiter*innenaufstand war der Auftakt zur Novemberrevolution, die sich schließlich in ganz Deutschland ausbreitete und am 9. November 1918 zur Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht sowie der bürgerlich-demokratischen Republik durch Philipp Scheidemann führte.

Streik: Streik von Hafenarbeiter*innen

Um Kriege führen zu können, braucht es bestimmte wirtschaftliche Voraussetzungen, wie z.B. die Produktion bestimmter Güter, die Sicherstellung von Transport und Logistik oder eine funktionierende Gesundheitsversorgung. Diese Kriegsindustrie umfasst verschiedene Bereiche, in denen es möglich ist, Einfluss zu nehmen und Widerstand zu leisten: Schließlich sind es dort beschäftigte Arbeiter*innen, die am Fließband die Rüstungsgüter produzieren, die den LKW mit Nachschub an die Front fahren oder die im Krankenhaus die Kriegswunden verarzten.

Eine weit zurückreichende Geschichte hat beispielsweise die Gewerkschaft ILWU an der Westküste der USA. Sie bestreikten Häfen in den 2000er Jahren, um Widerstand gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan zu leisten. Ein anderes Beispiel ist die Arbeitsniederlegung und Blockade der italienischen Hafenarbeiter*innen in Genua. Diese verweigerten 2019 die Beladung von Schiffen mit Rüstungsgütern, die für den Krieg im Jemen bestimmt waren. Im Oktober 2025 konnten sie zudem erfolgreich das Auslaufen von Kriegsmaterial nach Israel verhindern. Weitere Hafenarbeiter*innen in Frankreich, Griechenland und Spanien verweigerten das Beladen von Kriegsmaterial auf Containerschiffe nach Israel, wodurch es zu einer erheblichen Störung der Lieferkette kam.  

Streik: Schulstreiks gegen die Wehrpflicht

Einhergehend mit der Militarisierung baut die Bundeswehr auch massiv ihre Präsenz im öffentlichen Raum aus, z.B. mit Bundeswehrserien auf Plattformen wie YouTube, dem neu eingeführten Veteranentag am 15. Juni, sowie mit Schulbesuchen, um öffentlichkeitswirksam für eine Karriere als Soldat*in zu werben. Das Führen von Krieg braucht zunächst die Zustimmung der Bevölkerung und ist vor allem auf die Unterstützung jüngerer Generationen angewiesen. In Deutschland bildete sich daraufhin Ende 2025 mit „Schulstreiks gegen die Wehrpflicht“ eine Bewegung aus Schüler*innen, die den Schulbesuch verweigert, um sich damit einer Einführung der Wehrpflicht entgegenzustellen. Bei den Streiktagen waren über 50.000 Jugendliche in ganz Deutschland auf der Straße.

Kriegsdienstverweigerung und Desertation

Den Kriegsdienst zu verweigern ist eine wichtige Aktionsform, um Widerstand gegen Kriegspolitik zu leisten. Sobald Staaten eine Wehrpflicht haben oder einführen, stellt sich die Frage ­– "Verweigern oder Dienen?"– für junge Menschen automatisch. Dabei ist die Kriegsdienstverweigerung nicht nur eine individuelle Frage nach dem eigenen Gewissen. Sie ist ein politisches Mittel, das die Verweigerung in den Krieg zu ziehen gemeinschaftlich organisieren kann, indem z.B. Informationen über den Kriegsdienst, Beratungsangebote und solidarische Netzwerke bereitgestellt werden. <br
Bewegungen der Kriegsdienstverweigerung wirken oft auch weit über staatliche Grenzen hinweg. Historisch haben diese Bewegungen in fast jedem großen Konflikt internationale Solidarität entwickelt, indem sie die Absichten der eigenen Regierung an die Öffentlichkeit bringen und den Widerstand gegen Krieg vor Ort organisieren. Zu einem großen Teil bestanden diese Bewegungen aus Deserteur*innen, also Menschen, die aus dem Militärdienst zum Beispiel aus moralischen Gründen flüchten, ohne offiziell entlassen zu sein. Dabei riskieren sie meist hohe Strafen – bis hin zur Todesstrafe. Diese kann u.a. in den USA verhängt werden, wenn im aktiven Kriegsfall desertiert wird. Weitere Informationen zur Kriegsdienstverweigerung und ihrer Geschichte findet ihr hier (externer Link, öffnet neues Fenster).

Medienarbeit

„Nach der Kriegserklärung ist die Wahrheit das erste Opfer“– Dieses Zitat von Arthur Ponsonby fasst zusammen, dass der Kampf um Information und Deutungshoheit einen wichtigen Teil des Kriegs darstellt: So hat die NATO seit 2020 für sich die Psyche des Menschen und die kognitive Kriegsführung – also die Beeinflussung des Bewusstseins – als einen eigenen Kriegsschauplatz festgelegt.

Um aktuelle Geschehnisse im Krieg zu verstehen und dagegen aktiv werden zu können, ist eine verlässliche Informationsgrundlage also unerlässlich. Journalismus, der sich einer wahrheitsgemäßen Kriegsberichterstattung verschreibt, ermöglicht es, dass sich Bevölkerungen ein eigenes Bild von den Geschehnissen machen können. Ein bekanntes Beispiel für die Wirksamkeit von Medienarbeit sind z.B. Kriegsfotografien, die Gräueltaten gegen Bevölkerungen im Vietnamkrieg oder im Irakkrieg dokumentierten. Sie konnten weltweit Aufmerksamkeit schaffen und den Rückhalt in den Bevölkerungen für antimilitaristischen Widerstand in den kriegsführenden Ländern verstärken. Durch Social Media ist nicht nur die Dokumentation des Kriegsgeschehens durch Journalist*innen, sondern auch durch betroffene Bevölkerungen selbst in den Mittelpunkt gerückt, z.B. in der Ukraine und in Gaza. 

Wie wichtig und gefährlich diese Arbeit ist zeigt auch die Repression, die Medienschaffende erfahren: Weltweit sind im Jahr 2025 503 Journalist*innen in 62 Ländern inhaftiert. 2025 zählt mit 127 Toten laut "Reporter Ohne Grenzen" zu den tödlichsten Jahren für Journalist*innen (seit Beginn der Dokumentation 1995).

Beispiele für weitere Formen antimilitaristischer Medienarbeit:

  • Dokumentarfilme (z.B. Filme über die Folgen von Kriegen oder über Friedensbewegungen)
  • Social-Media-Kampagnen (z.B. Aufklärungskampagnen, Kampagnen, die Aufmerksamkeit für antimilitaristische Aktionen schaffen, Spendenkampagnen)
  • Unabhängige Medien (z.B. Medien, die weder von Staaten noch von Großspender*innen finanziert sind, und Medienkritik an Kriegsberichterstattung betreiben)
  • Fotoreportagen und Ausstellungen (z.B. Bilder von Kriegsschäden oder dem Leben der Zivilbevölkerung, die Einblicke in den Alltag ermöglichen und Empathie schaffen)
  • Interviews und Zeitzeug*innenberichte (z.B. Berichte von Überlebenden, Geflüchteten oder Friedensaktivist*innen)

Fazit

Die zahlreichen Aktionsformen zeigen, dass es möglich ist, sich auf vielfältige Weise gegen Krieg und Aufrüstung einzusetzen. Viele der Aktionsformen haben eine lange Geschichte aufzuweisen und wurden von verschiedenen Generationen angewendet und weiterentwickelt. Da Krieg und Militarisierung eine Gesellschaft als Ganze erfasst, gibt es zunehmend Ansatzpunkte, Widerstand gegen diese Entwicklung zu leisten.

Quellen

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