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August
2025

Voices From the Border: Tod, Erinnerung und Widerstand

Für viele Schutzsuchende führen unfaire Visa-Politiken und geschlossene Grenzen dazu, dass sie gefährliche Fluchtrouten über Land und Meer nehmen müssen – oft unter lebensbedrohlichen Bedingungen. Das Mittelmeer ist dabei eine der tödlichsten Routen der Welt, mit zehntausenden Toten und Vermissten. In diesem Beitrag lassen wir persönliche Geschichten und Stimmen von den Grenzen zu Wort kommen, die einen Einblick in die Erinnerungsarbeit für tote und vermisste Menschen geben.

Warum sind Fluchtrouten tödlich?

Ein Friedhof mit Blumen.
Die meisten Menschen, die Schutz in der EU suchen, können nicht direkt einreisen, sondern müssen lange und oftmals gefährliche Wege zurücklegen. Aufgrund von global unfairen Visa-Politiken können Menschen auf der Flucht meist nicht einfach per Flugzeug in die EU einreisen. Deshalb müssen sie über Land oder Wasser durch viele Staaten reisen – sogenannte Fluchtrouten.

Entlang dieser Fluchtrouten erleben Schutzsuchende extreme Formen der Gewalt und Ausbeutung. Laut eines Berichts des UNHCR (externer Link, öffnet neues Fenster) berichten Menschen auf der Flucht von Folter, körperlicher Gewalt, willkürlicher Inhaftierung, Entführungen, sexualisierter Gewalt, Versklavung, Menschenhandel, Zwangsarbeit, Organentnahme, Raub und Pushbacks. Die Hauptverantwortlichen für diese Übergriffe sind Sicherheitskräfte, Polizei, Militär, Einwanderungsbeamt*innen, Grenzbeamt*innen, sowie kriminelle und bewaffnete Gruppen.

Die körperliche, psychische, soziale und bürokratische Gewalt an den Grenzen der EU bedroht das Leben von Migrant*innen und führt dazu, dass Menschen immer wieder neue unsichere Wege in die EU wählen müssen. Der Weg von Nordafrika über das Mittelmeer nach Europa ist eine der tödlichsten Fluchtrouten der Welt. Das Missing Migrants Project (externer Link, öffnet neues Fenster) zählt seit 2014 über 30.000 Vermisste und Tote auf dem Mittelmeer, wobei die Dunkelziffer noch deutlich höher geschätzt wird.

Wie wird den Toten und vermissten Menschen gedacht?

Seit 2014 werden durch sogenannten CommemorActions an die Menschen erinnert, die auf der Suche nach Schutz in der EU ums Leben gekommen oder verschwunden sind.

Was ist eine CommemorAction?
Eine CommemorAction verbindet Gedenken (commemorate) und Handeln (action). Sie ehrt die Menschen, die auf der Suche nach Bewegungsfreiheit gestorben sind oder verschwunden sind, und erhebt gleichzeitig Forderungen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und politischer Veränderung. CommemorActions entstanden aus der Zusammenarbeit von Angehörigen und Freund*innen der Verschwundenen mit Aktivistinnen, die ihre Geschichten dokumentieren und ihre Forderungen sichtbar machen. Sie sind zugleich Gedenkveranstaltungen und Proteste: Politische Botschaften treffen auf künstlerische Darbietungen, Trauer auf Widerstand. Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen Angehörige gemeinsam mit Unterstützer*innen öffentlich trauern, ihre Geschichten erzählen und Druck auf die Verantwortlichen ausüben können.

Wie findet eine CommemorAction statt?
Am 6. Februar 2014 versuchten mehr als 200 Menschen, von der marokkanischen Küste aus die spanische Enklave Ceuta schwimmend zu erreichen. Sie wurden von Grenzpolizist*innen mit Tränengas und Gummigeschossen angegriffen und daran gehindert, ans Land zu gelangen. Mindestens 15 Menschen starben vor Tarajal, viele weitere werden bis heute vermisst. Die Überlebenden wurden illegal nach Marokko zurückgedrängt. Seit diesem Massaker treffen sich jedes Jahr am 6. Februar Angehörige, Überlebende, Künstler*innen und Aktivist*innen zu CommemorActions – nicht nur in Spanien und Marokko, sondern in ganz Europa und Afrika. Dieser Tag nennt sich heute der „Globale Tag des Kampfes gegen das Regime des Todes an den Grenzen“.

Weitere Informationen

Weitere Informationen im FAQ Flucht.

Zum FAQ Flucht

Wie setzen sich lokale Aktivist*innen für tote und vermisste Menschen in Tunesien ein?

Mann pflückt Blumen.
In den folgenden Videos erzählen Chamseddine M., Mohsen und Chamseddine B. von ihrem Streben nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit für Migrant*innen in Tunesien.

Chamseddine M. arbeitet aktiv an „The Cemetery of the Unknown“ (Der Friedhof der Unbekannten), wo verstorbenen Migrant*innen gedacht wird.

Mohsen gründete das „Museum der Erinnerung“, in dem er an die Geschichte von Migrant*innen, deren Reise durch die libysche Wüste und deren Gefahren erinnert.

Chamseddine B. ist Fischer und führt Rettungsaktionen von Migrant*innen in Seenot durch.

Porträt: Chamseddine M. - Tunesien

Porträt: Mohsen - Tunesien

Porträt: Chamseddine B. - Tunesien

Hintergrund

Diese Videos sind Teil der Ausstellung „Voices from the border“ von borderline-europe (externer Link, öffnet neues Fenster). Die Ausstellung ist eine Sammlung von 15 kurzen Porträts von Menschen, die an den Außengrenzen Europas festgehalten werden, und von Bewohnern dieser Grenzregionen.

Zur Ausstellung: "Voices from the border"

Quellen

Nutzen und Teilen

Beitrag von Lina Urbat und Alina Kopp. Online Redaktion von Alina Kopp.

Der Text wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz  (externer Link, öffnet neues Fenster)CC BY-NC-SA 4.0 (externer Link, öffnet neues Fenster)  (externer Link, öffnet neues Fenster)veröffentlicht. Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Dieses Video ist Teil der Ausstellung „Voices from the border (externer Link, öffnet neues Fenster)“ von borderline-europe (externer Link, öffnet neues Fenster). Vergiss nicht es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.

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