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November
2025

Militarisierung der Gesellschaft

Beim Öffnen der Nachrichten, beim Betreten der Straßenbahn, beim Scrollen auf TikTok: Überall im Alltag begegnet uns gerade das Thema Krieg. Erst kürzlich wurde eine „zunächst freiwillige“ Wehrpflicht beschlossen. Riesige Geldsummen werden in die Bundeswehr gesteckt, statt Autos werden in einigen Fabriken nun Panzer produziert und die Bundeswehr besucht regelmäßig Schüler*innen, um sie für eine Karriere im Militär zu begeistern. In diesem Beitrag stellen wir uns die Frage, was es bedeutet, die Gesellschaft zu militarisieren und schauen uns an, welche Beispiele wir dafür aktuell in Deutschland finden.

Was ist Militarisierung?

Unter Militarisierung lässt sich ein Prozess zu einem gesellschaftlichen Zustand beschreiben, der im Militarismus endet. Das bedeutet, dass nach und nach militärische Wertvorstellungen und Ziele zur Grundlage von Staat und Gesellschaft werden. Innerhalb der Gesellschaft kommt es dadurch zu einer höheren Akzeptanz und einer Fokussierung auf Krieg, während dieser Schritt für Schritt legitimiert und normalisiert wird. Konkret bedeutet das, es fließt mehr Geld in das Militär, in die militärische Infrastruktur und die größere Personenstärke des Heeres.

Militärausgaben Deutschlands

Grafik, die die Militärausgaben Deutschlands darstellt
Die Grafik zeigt die Militärausgaben Deutschlands in Milliarden US-Dollar. Maßgeblich ist der Anstieg von 53 Milliarden US-Dollar auf über 88 Milliarden US-Dollar seit 2022 - die aktuellen Ziele der Regierung sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Seit 2022 lässt sich in der politischen Debatte in Deutschland beobachten, wie Politiker*innen die Aufrüstung Deutschlands voranbringen:

Was vor 10 Jahren noch als undenkbar in der deutschen Gesellschaft galt, ist heute real. Was hat dazu geführt, dass es so wenig Aufschrei gegen das neue Wehrdienstgesetz (externer Link, öffnet neues Fenster) und die Milliardenpakete für die Bundeswehr gibt, obwohl doch ein Großteil der Menschen gegen Krieg ist? 

Militarisierung der Gedanken

mensch, der auf einer bank sitzt und von militaristischer propaganda von allen Seiten beschallt wird
Um all diese politischen Schritte in der Gesellschaft zu legitimieren, muss den Menschen glaubhaft vermittelt werden, dass es sich bei der Militarisierung um Notwendigkeiten handelt, die gerechtfertigt sind. Damit kann Widerstand gegen die Kriegspolitik und die Aufrüstungslogik möglichst klein gehalten werden. Auch die NATO hat diesen Kampf um die Köpfe, um die Gedanken, als Kriegsschauplatz definiert. Denn Krieg beginnt immer in den Köpfen. Durch Propaganda und Unterdrückung wird eine Politik normalisiert, die Krieg zum Thema macht und letztendlich auch Kriege vorantreibt. Der promovierte Propagandaforscher Jonas Tögel schreibt in dem Buch „Kognitive Kriegsführung“ ausführlich über die Mechanismen, die von Staaten und Militärbündnissen – darunter auch der NATO – angewandt werden, um Menschen zu manipulieren und sie zu bestimmten Überzeugungen zu bringen. Auch wenn das auf den ersten Blick absurd klingen mag, ist es eigentlich logisch, dass eine Regierung immer auch die Gesellschaft überzeugen muss, eine bestimmte Kriegspolitik zu unterstützen.

Militarisierung der Kultur

ein comic, der die Militarisierung der Gesellschaft darstellt
Aktuell können wir in Deutschland beobachten, dass die Bundeswehr im öffentlichen Raum immer sichtbarer wird. Das passiert nicht einfach so, sondern verfolgt bewusst das Ziel, die Bundeswehr in unseren Alltag zu integrieren, sie zu normalisieren und Kriegsnarrative gesellschaftsfähig zu machen. Eine Normalisierung von Kriegskultur. Beispiele dafür sind der kürzlich eingeführte Veteranentag, uniformierte Soldat*innen, die als einzige Berufsgruppe schon seit 2020 kostenlos bei der DB fahren dürfen, vollbedruckte Trams im Bundeswehrprint und Kampagnen, die geführt werden, um die Jugend zu erreichen und für eine Laufbahn bei der Bundeswehr zu gewinnen. Auch zu Frauen-Fußball-EM hatte die Bundeswehr zur Hauptsendezeit Werbung geschaltet. Diese kulturelle Normalisierung findet insbesondere in zwei Lebensbereichen statt, in denen Jugendliche viel Zeit verbringen: im Bildungswesen und auf Social-Media.

Militarisierung im Bildungswesen

ein Soldat vor einer Schultafel
Regelmäßig besucht die Bundeswehr Schulen, Universitäten und Ausbildungsmessen, wirbt dabei auch für den Beruf als Soldat*in und möchte ihr Image bei den jungen Leuten aufbessern. 2024 hatte sich die damalige Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger für Zivilschutzübungen an Schulen ausgesprochen und in Bayern wird aktuell über die Einführung eines „Verteidigungsfaches“ diskutiert. Noch erkennbarer, welche Bemühungen die Bundeswehr in den letzten Jahren in ihre Öffentlichkeitswahrnehmung gesteckt hat, zeigt sich auf Facebook, Instagram und TikTok.

Militarisierung auf Social Media

Social Media icon
Auf der offiziellen Website der Bundeswehr heißt es, dass über verschiedene Social-Media-Kanäle täglich 1,5 Millionen Menschen erreicht werden . Dafür gibt die Bundeswehr ihren Soldat*innen und Mitarbeitenden noch eine Guideline zur Hand, wie sie die Bundeswehr im Internet vermarkten sollen. Darin heißt es: „Stehen Sie zu Ihrem Beruf, Ihrer Einheit und zur Bundeswehr“. In nahbaren Inhalten nehmen Soldat*innen uns mit durch ihren Alltag bei der Bundeswehr. Auffällig bei all diesen Inszenierungen ist, wie Jugendliche immer wieder mit Werten von Gemeinschaft, Zusammenhalt und Sinnhaftigkeit angesprochen werden. Gesellschaftliche Grundbedürfnisse, auf welche die Bundeswehr gezielt anspielt. Was Krieg für Soldat*innen und Gesellschaft tatsächlich bedeuten würde, erfährt man hingegen nicht.

Institutioneller Umbau

Neben Propagandaarbeit, um das gesellschaftliche Klima und Diskurse zu beeinflussen, findet auch innerhalb der deutschen Gesellschaft ein zunehmender Umbau von Institutionen und Infrastruktur statt, um Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. 

Hier zwei Beispiele:

Zunahme von Repressionen

Im September 2025 führte die Bundeswehr in Hamburg die dreitägige NATO-Übung „Red Storm Bravo“ durch – die größte Militärübung seit dem kalten Krieg. Dabei wurde simuliert, wie die NATO im Fall eines Konflikts an ihrer Ostflanke reagieren könnte. Teil der Übung war unter anderem die Eindämmung und das Niederschlagen von gesellschaftlichen Protesten. Wenn sich ein Staat militarisiert und auf Krieg vorbereitet, führt dies auch zu einer Zunahme an Kontrolle und Repression innerhalb des Staates. Denn wo Krieg herrscht, kommt es immer auch zu Widerstand und Antikriegsprotesten. Grund dafür ist, dass sich Kriege grundlegend gegen die Interessen der breiten Gesellschaft richten und nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung Gewinne erzielen. Dieser Vorgang lässt sich auch im deutschen Staat beobachten. 

ein Polizist mit Einsatzhund vor einer antikriegsdemonstration
Die Polizei wird seit einigen Jahren durch Verschärfungen der Polizeigesetze in den Bundesländern mit mehr Freiraum ausgestattet. Die „Gesellschaft für Freiheitsrechte“ (GFF) äußert insbesondere Bedenken bzgl. der Tatsache, dass die Polizei mittlerweile auf keine konkrete Gefahr warten muss, sondern lediglich eine Annahme reicht, um in Bürger*innenrechte einzugreifen. Die GFF übt ebenfalls scharfe Kritik an dem Einsatz der Daten-Software Palantir durch mehrere Bundesländer, da diese Grundrechte verletze. Dagegen wurde bereits eine Verfassungsbeschwerde eingereicht. Ab 2026 ist im gesamten Bundesgebiet künftig der Einsatz von Tasern durch die Polizei gestattet. Dabei gibt es Studien, die aufzeigen, dass der Einsatz von Tasern nicht zu besserer Polizeiarbeit, sondern in erster Linie zu höherer Gewaltbereitschaft der Einsatzkräfte führt. 2025 kam es erstmals auch zu einem Verbot des Kölner Antikriegsprotestcamps des Bündnisses „Rheinmetall Entwaffnen“, das jedoch durch das Oberverwaltungsgericht gekippt wurde.

Freie und unabhängige Berichterstattung sowie freie Meinungsäußerung sind ein grundlegender Bestandteil einer Demokratie. Doch im Zuge von Kriegsvorbereitungen und Kriegslogik werden sie immer wieder angegriffen. So wurden und werden kritische Stimmen sowohl hinsichtlich der NATO-Strategie im russisch-ukrainischen-Krieg als auch bezüglich der Rolle Deutschlands im Krieg Israels im Gaza-Streifen immer wieder diffamiert und delegitimiert.

GFF

Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die durch strategische Gerichtsverfahren den Schutz von Grund- und Menschenrechten in Deutschland stärkt. Sie begleitet ausgewählte Fälle – etwa zu Datenschutz, Gleichbehandlung oder staatlichen Eingriffsbefugnissen – um rechtliche Standards langfristig zu sichern und zu verbessern.

GFF Website
ein bild von Überwachungskameras
Gleichzeitig wurde in den letzten Jahren in Deutschland massiv in Punkto Überwachung aufgerüstet. Neben dem von der GFF kritisierten Einsatz der Datensoftware Palantir wird im Frankfurter Bahnhofsviertel erstmals KI-gestützte Videoüberwachung eingesetzt und die rheinland-pfälzische CDU-Fraktion fordert den landesweiten Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Videoüberwachung. Anfang 2025 wurde von Friedrich Merz ein 27-Punkte-Plan zur inneren Sicherheit und Migrationspolitik vorgelegt, der zunächst keine mehrheitliche Zustimmung im Bundestag gefunden hat, aber trotzdem den Kurs der nächsten Jahre aufzeigen könnte. Darin fordert die CDU/CSU unter anderem die Stärkung der Nachrichtendienste, Sicherheitsbehörden und der Justiz, Videoüberwachung in Echtzeit mitsamt elektronischer Gesichtserkennung sowie den Datenschutz bei der Speicherung von IP-Adressen zu lockern.

Diese strukturellen Änderungen im Hinblick auf Datenschutz und Überwachung können fortwährend von der jetzigen, aber auch von zukünftigen, noch rechteren Regierungen verwendet werden, um jedes beliebige Feindbild in der Gesellschaft zu verfolgen. Heute sind es „Terrornetzwerke“, morgen „illegale Migrant*innen“ und übermorgen vielleicht Kriegsgegner*innen oder queere Menschen. 

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Um eine Gesellschaft zu militarisieren ist es notwendig, die Bevölkerung gedanklich Schritt für Schritt auf einen Krieg vorzubereiten. Für unsere Gesellschaft bedeutet dieser Prozess, dass Krieg normalisiert und zu einem immer präsenteren Teil unseres Alltags wird. Auch der Widerstand gegen Kriegspolitik wird stärker verfolgt und ist von neuen Repressionsstrukturen betroffen. Da Krieg einer patriarchalen Logik folgt, in der Gewalt und Unterdrückung eingesetzt und legitimiert werden, hat dies auch weitreichende Auswirkungen auf breite Teile der Gesellschaft und wirkt noch über Generationen hinweg. Durch die massive Aufrüstung und die großen Geldmengen, die dafür benötigt werden, fehlt Geld an anderen Stellen. Der militärpolitischen Zeitenwende folgt eine sozialpolitische Zeitenwende, in der die Ausgaben für Bildung und Soziales bis aufs Minimum gekürzt werden. Das hat vor allem eines zur Folge: die drastische Verschärfung sozialer Krisen. Oder mit anderen Worten, dass die Armen immer ärmer werden, sofern sie sich nicht für den gut bezahlten Dienst bei der Bundeswehr auf mehrere Jahre verpflichten. Im Gegenzug machen große Firmen und Konzerne sowie Lobbyist*innen währenddessen immer mehr Profit, was zeigt, in wessen Interesse die Gesellschaft wirklich militarisiert wird.

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Beitrag von Emilia Oelschlägel. Online Redaktion von Ian Riess.
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