Beim Öffnen der Nachrichten, beim Betreten der Straßenbahn, beim Scrollen auf TikTok: Überall im Alltag begegnet uns gerade das Thema Krieg. Erst kürzlich wurde eine „zunächst freiwillige“ Wehrpflicht beschlossen. Riesige Geldsummen werden in die Bundeswehr gesteckt, statt Autos werden in einigen Fabriken nun Panzer produziert und die Bundeswehr besucht regelmäßig Schüler*innen, um sie für eine Karriere im Militär zu begeistern. In diesem Beitrag stellen wir uns die Frage, was es bedeutet, die Gesellschaft zu militarisieren und schauen uns an, welche Beispiele wir dafür aktuell in Deutschland finden.
Unter Militarisierung lässt sich ein Prozess zu einem gesellschaftlichen Zustand beschreiben, der im Militarismus endet. Das bedeutet, dass nach und nach militärische Wertvorstellungen und Ziele zur Grundlage von Staat und Gesellschaft werden. Innerhalb der Gesellschaft kommt es dadurch zu einer höheren Akzeptanz und einer Fokussierung auf Krieg, während dieser Schritt für Schritt legitimiert und normalisiert wird. Konkret bedeutet das, es fließt mehr Geld in das Militär, in die militärische Infrastruktur und die größere Personenstärke des Heeres.
Was vor 10 Jahren noch als undenkbar in der deutschen Gesellschaft galt, ist heute real. Was hat dazu geführt, dass es so wenig Aufschrei gegen das neue Wehrdienstgesetz (externer Link, öffnet neues Fenster) und die Milliardenpakete für die Bundeswehr gibt, obwohl doch ein Großteil der Menschen gegen Krieg ist?
Neben Propagandaarbeit, um das gesellschaftliche Klima und Diskurse zu beeinflussen, findet auch innerhalb der deutschen Gesellschaft ein zunehmender Umbau von Institutionen und Infrastruktur statt, um Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Hier zwei Beispiele:
Im September 2025 führte die Bundeswehr in Hamburg die dreitägige NATO-Übung „Red Storm Bravo“ durch – die größte Militärübung seit dem kalten Krieg. Dabei wurde simuliert, wie die NATO im Fall eines Konflikts an ihrer Ostflanke reagieren könnte. Teil der Übung war unter anderem die Eindämmung und das Niederschlagen von gesellschaftlichen Protesten. Wenn sich ein Staat militarisiert und auf Krieg vorbereitet, führt dies auch zu einer Zunahme an Kontrolle und Repression innerhalb des Staates. Denn wo Krieg herrscht, kommt es immer auch zu Widerstand und Antikriegsprotesten. Grund dafür ist, dass sich Kriege grundlegend gegen die Interessen der breiten Gesellschaft richten und nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung Gewinne erzielen. Dieser Vorgang lässt sich auch im deutschen Staat beobachten.
Freie und unabhängige Berichterstattung sowie freie Meinungsäußerung sind ein grundlegender Bestandteil einer Demokratie. Doch im Zuge von Kriegsvorbereitungen und Kriegslogik werden sie immer wieder angegriffen. So wurden und werden kritische Stimmen sowohl hinsichtlich der NATO-Strategie im russisch-ukrainischen-Krieg als auch bezüglich der Rolle Deutschlands im Krieg Israels im Gaza-Streifen immer wieder diffamiert und delegitimiert.
Die Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) ist eine zivilgesellschaftliche Organisation, die durch strategische Gerichtsverfahren den Schutz von Grund- und Menschenrechten in Deutschland stärkt. Sie begleitet ausgewählte Fälle – etwa zu Datenschutz, Gleichbehandlung oder staatlichen Eingriffsbefugnissen – um rechtliche Standards langfristig zu sichern und zu verbessern.
Diese strukturellen Änderungen im Hinblick auf Datenschutz und Überwachung können fortwährend von der jetzigen, aber auch von zukünftigen, noch rechteren Regierungen verwendet werden, um jedes beliebige Feindbild in der Gesellschaft zu verfolgen. Heute sind es „Terrornetzwerke“, morgen „illegale Migrant*innen“ und übermorgen vielleicht Kriegsgegner*innen oder queere Menschen.
Um eine Gesellschaft zu militarisieren ist es notwendig, die Bevölkerung gedanklich Schritt für Schritt auf einen Krieg vorzubereiten. Für unsere Gesellschaft bedeutet dieser Prozess, dass Krieg normalisiert und zu einem immer präsenteren Teil unseres Alltags wird. Auch der Widerstand gegen Kriegspolitik wird stärker verfolgt und ist von neuen Repressionsstrukturen betroffen. Da Krieg einer patriarchalen Logik folgt, in der Gewalt und Unterdrückung eingesetzt und legitimiert werden, hat dies auch weitreichende Auswirkungen auf breite Teile der Gesellschaft und wirkt noch über Generationen hinweg. Durch die massive Aufrüstung und die großen Geldmengen, die dafür benötigt werden, fehlt Geld an anderen Stellen. Der militärpolitischen Zeitenwende folgt eine sozialpolitische Zeitenwende, in der die Ausgaben für Bildung und Soziales bis aufs Minimum gekürzt werden. Das hat vor allem eines zur Folge: die drastische Verschärfung sozialer Krisen. Oder mit anderen Worten, dass die Armen immer ärmer werden, sofern sie sich nicht für den gut bezahlten Dienst bei der Bundeswehr auf mehrere Jahre verpflichten. Im Gegenzug machen große Firmen und Konzerne sowie Lobbyist*innen währenddessen immer mehr Profit, was zeigt, in wessen Interesse die Gesellschaft wirklich militarisiert wird.
Beitrag von Emilia Oelschlägel. Online Redaktion von Ian Riess.Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht, es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.
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