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Oktober
2025

"Kriegsgewinner" Wer profitiert vom Krieg?

Kriege sind auf den ersten Blick erst mal für niemanden gut oder erstrebenswert. Doch auf den zweiten Blick schon. Stichworte wie: "Rüstungsindustrie", "Macht" und "Öl" kommen manchen vielleicht in den Sinn. Sie stehen im Zusammenhang mit Wirtschaft. Dieser Beitrag beleuchtet, wer vom Krieg profitiert, wer verliert, und wirft Licht auf die oft übersehene Verstrickung von Wirtschaft und Krieg.

Während die meisten Kriege so dargestellt werden, als dienten sie der Verteidigung oder dem Schutz von Bevölkerungen, dienen sie eigentlich der Umverteilung von Macht und Besitz: Macht und Besitz steigern, Macht und Besitz verteidigen. Am Ende gibt es immer Gewinner und Verlierer: Menschen, die an Macht und Besitz dazugewinnen, und viel mehr Menschen, die an Macht und Besitz verlieren.   Doch obwohl Kriege oft zwischen Staaten ausgetragen werden, zwischen Armeen aus Bevölkerungen, steht am Ende nicht eine Bevölkerung als Gewinnerin und eine als Verliererin da. Gewinner*innen sind vor allem Aktionär*innen von Rüstungsfirmen und Industrien. Auch Staaten als eine politische Einheit können direkt oder indirekt von Krieg profitieren, wobei es auch hier Staaten des Globalen Nordens sind, die die meisten Profite zu verzeichnen haben und als Gewinner*innen gelten können. Verlierer*innen sind immer die Bevölkerungen beider Kriegsparteien. Nicht nur, dass sie mit ihren Steuern den Krieg maßgeblich finanzieren: sie tragen seine zerstörerischen Folgen – seien es zerstörte Wohnungen und Häuser, vernichtete Infrastruktur und Lebensgrundlagen oder verletzte und getötete Menschen.

Kriegswirtschaft oder Wirtschaftskrieg?

Das eine beschreibt eine Form der Wirtschaft, das andere eine Form des Krieges. In Europa fordern Politiker*innen die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft. Doch was ist das eigentlich? Das ist eine Form der Wirtschaft, die darauf ausgelegt ist, Krieg vorzubereiten und Krieg zu führen. Das heißt: Mehr Investitionen fließen in Rüstung und kriegstragende Infrastruktur. Krieg ist teuer: Es müssen Waffen entwickelt und produziert werden, das Militär ausgebildet und bezahlt und Infrastruktur gebaut werden. Das kann unterschiedlich finanziert werden. Durch Steuern, durch Kriegsanleihen bei der Bevölkerung, durch das Drucken neuer Banknoten oder durch Kredite. Am Ende ist es immer die Bevölkerung, die die Kosten trägt. Ein Wirtschaftskrieg ist eine Form des Krieges, wobei hier wirtschaftspolitische Maßnahmen als Waffen funktionieren. Es handelt sich um einen Wettbewerb mit dem Ziel, die Wirtschaftsmacht eines anderen Staates zu verkleinern. Werkzeuge hier sind zum Beispiel Zölle, Steuern, Sanktionen (externer Link, öffnet neues Fenster) oder Embargos.

Hauptgewinne

Rüstung ist ein sehr lukratives Geschäft. Seit dem Beginn des Ukrainekrieges 2022 sind die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen teilweise um mehr als 800 Prozent gestiegen. Das macht Anleger*innen der Rüstungsindustrie zu Kriegsgewinner*innen.

Lobbyismus? Kriegswirtschaft!

Rüstung ist ein sehr lukratives Geschäft. Seit dem Beginn des Ukrainekrieges 2022 sind die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen teilweise um mehr als 800 Prozent gestiegen. Das macht Anleger*innen der Rüstungsindustrie zu Kriegsgewinner*innen. Wenn es Aktionär*innen von Rüstungsunternehmen sind, die am Ende am meisten von Krieg profitieren, aber Staaten, die Kriege führen, woher kommt dann das staatliche Interesse daran, Krieg zu führen? Die Gründe dafür sind komplex, aber einer der Faktoren ist die harte Überzeugungsarbeit, die Konzerne der Rüstungsindustrie gegenüber der Politik leisten. Sie erzählen von Bedrohungen und Sicherheitslücken, die eine Investition in neue Waffensysteme scheinbar unverzichtbar machen. Lobbyist*innen oder Interessengemeinschaften bestellen oft sogar Politiker*innen in ihre Vorstände und Präsidien, wo sie neben Industrievertreter*innen und ehemaligen Militärs sitzen. Seit 2014 haben hunderte Treffen zwischen der Europäischen Kommission und den größten EU-Rüstungsunternehmen stattgefunden und Rüstungsunternehmen werden auch, anders als NGOs oder Forscher*innen, zu Anhörungen im Parlament eingeladen und verfügen sogar über entsprechende Zugangsausweise zum Parlament. 2025 war die meistgehandelte Aktie in Deutschland vom Rüstungsunternehmen Rheinmetalls.

Philip Steeg hat die deutsche Rüstungslobby-Landschaft im Artikel „System of Systems – Wie die Lobbyarbeit der Rüstungsindustrie auf unterschiedlichen Ebenen wirkt und ineinandergreift“ (externer Link, öffnet neues Fenster) detailreich aufgeschlüsselt. Hier haben wir die Hauptakteure und ihre Funktionsweisen zusammengefasst.

Was ist eine Lobby?

Als Lobby bezeichnet man eine Interessengruppe, die politischen Einfluss nehmen möchte, als politische Lobby einen Zusammenschluss von Personen oder Organisationen (z.B. Unternehmen, Verbände), die durch Gespräche und Kontakte versuchen, Gesetzte und Entscheidungen zu beeinflussen.

Mehr zur Akteuren der Rüstungsindustrie

Andreas Seifert stellt im Artikel “Vernetzte Waffenschmieden – Rüstungsindustrie in Deutschland” in einem Who is Who der Waffenschmieden die wichtigsten Akteure Deutschlands vor. 

Hier gehts zum Artikel

Krieg und Rassismus

Gewaltsame Konflikte sind oft von Rassismus (externer Link, öffnet neues Fenster) geprägt. Das führt dazu, dass weiße Menschenleben als wertvoller wahrgenommen werden und bei Tod oder Verletzung mehr Empathie und Aufmerksamkeit erfahren als nicht-weiße Menschen. Das wurde zum Beispiel an der Fluchtbewegung aus der Ukraine sichtbar, wo BIPoC teilweise an der EU-Grenze zurückgewiesen wurden. So kann Rassismus zum Beispiel zu einer größeren Gleichgültigkeit oder sogar Akzeptanz in der Bevölkerung für Kriegshandlungen gegenüber BIPoC führen. Wie zum Beispiel in den bewaffneten Konflikten, die im Globalen Süden ausgetragen werden und deren Opfer vor allem BIPoC-Personen sind. Ein Beispiel ist die Beurteilung der Kriegsverbrechen Israels im Gazastreifen und damit einhergehend die Akzeptanz der Waffenlieferungen Deutschlands nach Israel. Hier spielt antimuslimischer Rassismus eine wichtige Rolle, der historisch auch eine wichtige Rechtfertigung im “War against Terror” der USA im Irak und in Afghanistan lieferte. Die Regierungen brauchen diese Akzeptanz, um die Unterstützung zur Kriegsführung innerhalb der Bevölkerung nicht zu verlieren. 

Das Austragen bewaffneter Konflikte von Großmächten im Globalen Süden führt auch dazu, dass die Staaten des globalen Nordens insgesamt weniger Opfer zu verzeichnen haben, obwohl sie häufig an Konflikten beteiligt sind und damit eigene Interessen verfolgen. Dadurch geschieht ein Teil der Umverteilung von Macht, Herrschaft und Besitz durch Kriege auch auf der Achse des Rassismus.

Geopolitische Interessen

Wirtschaftliche Interessen gehen Hand in Hand mit geopolitischen Interessen. Zum Beispiel kann das Ziel einer Kriegshandlung sein, eine fremde Regierung abzusetzen, etwa wegen der Befürchtung, dass diese Regierung eine Politik durchsetzen könnte, die den wirtschaftlichen Interessen eines anderen Staates oder internationalen Konzernen entgegensteht. Wenn eine Regierung beispielsweise großgrundbesitzende internationale Unternehmen enteignen möchte, um Ungleichheit im eigenen Land zu bekämpfen, kann das für die Handelspartner*innen dieser internationalen Unternehmen oder die Länder, wo diese ihren Sitz haben, einen Verlust günstiger Ressourcen bedeuten. So war es in Guatemala 1954 der Fall, als die USA durch einen Putsch den amtierenden linken Präsidenten durch einen US-konformen Präsidenten ersetzten, mit der Begründung, das Land vor „Sozialismus“ zu schützen. Denn der amtierende Präsident wollte Großgrundbesitzer*innen enteignen und brachliegendes Land an Bäuer*innen des Landes verteilen. Gewinner dieser militärischen Intervention war dabei vor allem das US-amerikanische Unternehmen „United Fruits Company“, später „Chiquita“, welches ohne den Putsch großflächiger Enteignung ausgesetzt gewesen wäre. Die Bevölkerung Guatemalas stand also als Verlierer*in der Intervention da, während die USA nicht nur wirtschaftliche Gewinne, sondern auch geopolitische Macht und Einfluss sichern konnte. Die genauen Ursachen von Kriegen werden meistens nicht offen von den beteiligten Parteien benannt, sondern es wird oft die Variante genannt, die nach außen hin als vertretbarste gilt. Allerdings lassen sich bei vielen Kriegen trotzdem klare wirtschaftliche Interessen erkennen, wenn man genau hinschaut.

Soziale Ungleichheit & "Kriegsverlierer*innen"

Kriege haben auch immer mit sozialer Ungleichheit zu tun, und das auf mehreren Ebenen.

Ausblick

Die europäische und globale Wirtschaft wird immer mehr zu einer Kriegswirtschaft. Das geht mit einer generellen Militarisierung der Gesellschaft einher. Kriege zerstören Menschenleben und Umwelt und werden von niemandem gutgeheißen. Und doch gibt es “Kriegsgewinner*innen”. Die Rüstungsindustrie, die durch Lobbyismus und Kriegstreiberei Gewinne erzielt, oder andere Industrien, die durch Kriege Zugang zu Rohstoffen und billigen Arbeitsplätzen erhalten. Staaten des Globalen Nordens, in denen sich diese Industrien meist befinden, gehen dabei als “Gewinner*innen” gegenüber dem Globalen Süden hervor.

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Beitrag & Online Redaktion von Pia Monroy Rodriguez. Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.
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