In diesem Beitrag erfahrt ihr, warum Care-Arbeit vergesellschaftet werden muss und wie das gelingt. Denn die Krise der Sorgearbeit ist kein Zufall – sie hat System.
Care-Arbeit muss gerechter verteilt und besser bezahlt werden. Doch für echte Veränderungen braucht es noch mehr: Sorge muss aus der Logik von Profit und Privatisierung herausgelöst werden. Feministisch vergesellschaften heißt, Sorge ins Zentrum zu rücken und die Gesellschaft entsprechend umzubauen. Auch die Produktion müsste sich dann danach ausrichten, was für ein gutes und nachhaltiges Leben gebraucht wird.
Marxistische Feminist*innen nennen Sorgearbeit auch Reproduktionsarbeit. Der Begriff macht deutlich, welche Funktion sie im Kapitalismus erfüllt: Sie stellt täglich die menschliche Arbeitskraft wieder her – durch Ernährung, Pflege, Erholung und emotionale Zuwendung. Ohne sie könnte niemand am nächsten Tag wieder arbeiten gehen. Reproduktionsarbeit und Erwerbsarbeit sind also untrennbar miteinander verbunden: Die eine macht die andere erst möglich. Dass die kapitalistische Wirtschaft diese Abhängigkeit verschleiert, ist kein Versehen, sondern Voraussetzung dafür, dass Sorgearbeit unbezahlt oder billig bleibt.
Die meisten Beschäftigten im Sorgebereich fühlen sich für die Menschen verantwortlich, die sie betreuen oder unterstützen. Arbeitgeber*innen können das ausnutzen, indem sie das Wohl dieser Menschen gegen die Interessen der Beschäftigten ausspielen. Das erschwert die Ausgangsbedingungen für Arbeitskämpfe im Sorgebereich. In den letzten Jahren hat sich die Mobilisierungskraft von Streikbewegungen auf diesem Feld jedoch deutlich verändert. Die Pflegekräfte am Berliner Universitätskrankenhaus Charité haben hier große Erfolge erzielt und eine Art sorgepolitischer Zeitenwende eingeläutet.
Die Bedingungen, unter denen Sorgearbeit geleistet wird, verschlechtern sich zusehends. In Krankenhäusern, Kitas und Pflegeeinrichtungen wird an Personal, Zeit und finanziellen Mitteln gespart. Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit verdrängt das Wohl der Patient*innen und Betreuten. Löhne und Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass immer weniger Menschen in diesen Berufen arbeiten wollen oder können – mit der Folge, dass der Personalmangel die Lage weiter verschärft. Was im Beruf nicht mehr geleistet wird, landet im Privaten. Vor allem Frauen erleben die Gleichzeitigkeit von Lohnarbeit, Haushalt, und Kinderbetreuung und Pflege als Zerreißprobe.
Wer es sich leisten kann, bezahlt andere für Sorgearbeit, sei es für Reinigung, Kinderbetreuung oder 24-Stunden-Pflege. Diese Tätigkeiten werden oft von Menschen aus Osteuropa oder dem Globalen Süden übernommen, die unter prekären und teils rechtlich unsicheren Bedingungen arbeiten. Feminist*innen sprechen hier von „globalen Sorgeketten": Sorgelücken im globalen Norden werden durch die Ausbeutung von Menschen aus ärmeren Regionen gestopft. Meist sind das Frauen, die ihrerseits Lücken in den eigenen Familien hinterlassen, die wiederum von anderen (ärmeren) FLINTA*-Personen geschlossen werden müssen.
Vergesellschaftung bedeutet, wichtige gesellschaftliche Bereiche gemeinwirtschaftlich zu organisieren. Krankenhäuser, Altenpflege und Kinderbetreuung gehören in öffentliche oder gemeinwohlorientierte Hand – nicht in die von Aktionär*innen. Aber Vergesellschaftung meint mehr als Verstaatlichung: Es geht um die Frage, wer über Care-Angebote entscheidet, wie sie gestaltet sind und für wen und wo sie geschaffen werden. Das setzt demokratische Planung voraus, unter Beteiligung aller.Bei Sorgearbeit steht deshalb eine doppelte Entprivatisierung auf der Agenda: Sorge muss raus aus privatwirtschaftlichen Strukturen und raus aus der sozialen Isolation der Privathaushalte. Das Zuhause muss Teil eines vielfältigen Care-Netzes werden, das stationäre und ambulante Dienste, Nachbarschaftsangebote und zivilgesellschaftliche Initiativen umfasst. Nur so wird Sorge zu einer wirklich gesellschaftlichen Aufgabe – und hört auf, vor allem Frauen allein aufgebürdet zu werden.
Eine Sorgende Stadt kann nicht einfach gefordert, beschlossen und umgesetzt werden. Aber sie ist ein konkretes Bild für eine feministisch-sozialistische Zukunft – ein Kompass für den schrittweisen Umbau der Sorgeverhältnisse. Es geht darum, Sorgearbeit zu demokratisieren und zu vergesellschaften. Konkret heißt das: Weniger Profitdenken, mehr öffentliche Angebote und Einrichtungen, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Nur so kann die Überforderung vieler sorgender Menschen überwunden und Sorge umeinander wieder als Glück erlebt werden. Wie feministische Vergesellschaftung in der Praxis aussehen kann, zeigen internationale Beispielen aus dem österreichischem Burgenland, Spanien und Bogotá (Kolumbien).
Beitrag von Julia Killet. Online Redaktion von Fabian Riess. Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht, es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.
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