Ob Nachrichtenartikel, Werbekampagne, Kinofilm oder TikTok-Feed: Soldatinnen erscheinen in den Medien zunehmend als selbstbewusste, starke und emanzipierte Frauen. Ihre Sichtbarkeit kann zunächst wie ein feministischer Fortschritt wirken. Doch welche Vorstellungen von Emanzipation werden dabei eigentlich vermittelt? Und was verschwindet aus dem Bild, wenn militärische Stärke als feministische Stärke erzählt wird?
Der folgende Beitrag zeigt, wie die Figur der kämpfenden Frau in unterschiedlichen Medien zwischen Emanzipation, Exotik, Lifestyle und Heldinnen-Narrativ inszeniert wird.
Die Figur der bewaffneten, soldatischen Frau ist im Journalismus weniger reine Abbildung als auch Projektion. Ein besonders prägnantes und ambivalentes Beispiel ist die westliche Berichterstattung über die sogenannten „Amazonen“ Gaddafis, die weibliche Leibgarde des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi. Gaddafi setzte die Frauen gezielt für seine politische Selbstdarstellung ein. Gleichzeitig wurden sie von westlichen Medien als exotische, geheimnisvolle und häufig sexualisierte „Amazonen“ inszeniert. Der Begriff selbst ist bereits aufgeladen: Er stammt aus der griechischen Mythologie und wurde übernommen, um die Frauen als außergewöhnliche, männergleiche und zugleich exotische Kriegerinnen darzustellen.
Die Bundeswehr inszeniert sich seit einigen Jahren gezielt als moderner, inklusiver Arbeitgeber. Formate wie Die Rekrutinnen oder andere YouTube-Serien zeigen junge Frauen im Militäralltag: Kameradschaft, Herausforderungen, persönliche Entwicklung. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird dieses Bild verstärkt: kurze Clips, persönliche Geschichten, Nahbarkeit. Die Botschaft ist klar – Soldatin sein ist ein Job wie jeder andere, nur spannender.
Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird dieses Bild verstärkt: kurze Clips, persönliche Geschichten, Nahbarkeit und Lifestyle. Die Botschaft lautet: Soldatin sein ist ein Job wie jeder andere, nur spannender. Das lässt sich auch an der politischen Debatte über eine mögliche Wehr- oder Dienstpflicht beobachten. Forderungen nach einer Einbeziehung von Frauen werden unter anderem mit „Gleichberechtigung“ oder „Wehrgerechtigkeit“ begründet, teilweise mit Verweis auf skandinavische Modelle. Dadurch kann die Frage, ob Frauen Zugang zum Militär erhalten sollen, als Gleichstellungsfrage erscheinen, während die grundsätzliche gesellschaftliche Militarisierung, Aufrüstung und die politische Funktion militärischer Gewalt weniger thematisiert werden. Aber was passiert, wenn aus „Girl Power“ militärische Stärke wird? Genau hier liegt die Grenze zwischen feministischer Gleichberechtigung und ihrer Vereinnahmung durch militärische Institutionen. Das Problem ist nicht, dass Frauen im Militär sichtbar werden. Problematisch wird es dort, wo diese Sichtbarkeit dazu beiträgt, militärische Gewalt als modern, progressiv und emanzipatorisch erscheinen zu lassen.
In der Popkultur hat sich die Soldatin von der Nebenfigur zur Hauptrolle entwickelt. Während Frauen im Kriegsfilm lange vor allem als wartende Ehefrauen, Helferinnen oder Opfer erschienen, treten sie zunehmend selbst als Kämpferinnen und Heldinnen auf. Diese Entwicklung kann zunächst als Fortschritt gelesen werden. Doch auch hier stellt sich die Frage: Welche Art von Emanzipation wird erzählt?
Besonders deutlich wird die Verschiebung vom klassischen Kriegsfilm zur Reality- und Lifestyle-Erzählung in der Reality Serie Women of the IDF.Der Trailer zur Serie zeigt junge Soldatinnen, ihren Alltag, Freundschaften und persönliche Erfahrungen. Das Militär erscheint dabei weniger als Institution organisierter Gewalt und vielmehr als sozialer Lebensraum. Die Darstellung erinnert teilweise eher an ein Jugend- oder Reality-Format, als an eine klassische Kriegsdokumentation. Die Serie Women of the IDF präsentiert ihre Protagonistinnen zunächst als junge Frauen, die scheinbar einem ganz gewöhnlichen Alltag nachgehen: Sie treffen Freundinnen, gehen feiern, daten und verbringen Zeit am Strand. Erst daneben erscheint ihr militärischer Alltag: Grenzpatrouillen, Waffen und Einsätze.Die Serie verbindet damit zwei eigentlich gegensätzliche Lebenswelten und macht den Militärdienst selbst zum Bestandteil eines jugendlichen Lifestyle-Narrativs. Diese Verbindung scheint politisch gewollt. Das Militär wird nicht primär als Institution organisierter Gewalt, sondern als Arbeitsplatz, Freundeskreis und Teil einer individuellen Lebensgeschichte gezeigt. Jeglicher humanitärer, sozialer, (geo-)politischer oder internationaler Kontext wird ausgeblendet. Die Soldatin wird damit nicht nur als Kämpferin, sondern als „ganz normale junge Frau“ inszeniert, und genau dadurch kann die militärische Dimension ihres Handelns, die real stattfindende Gewalt, in den Hintergrund treten.
Die offizielle Website beschreibt die Serie selbst mit dem Slogan:“They’re Just Like Us, Only Slightly More Awesome.”
Die Struktur der Serie folgt dem Alltag der Soldatinnen.Wochenende: Freundinnen, Club, Männer, Dating, Strand, Bräune.Wochentage: Grenzpatrouillen, Terrorverdächtige festnehmen, Militärbasen, M16-Panzer.Amazon Prime kategorisiert die Serie unter „Dokumentationen“, „ohne Drehbuch“ und „Geschichten die Stärken“, ab 16 Jahren. Eine Episode wird damit beschrieben, dass die Frauen im Urlaub ihre Uniformen gegen Clubkleidung tauschen und sich High Fashion und einem Fotoshooting widmen. Diese Alltäglichkeit vermittelt den Zuschauenden Vertrautheit und Sympathie und bietet sogar Identifikation mit den Figuren. Durch diese Inszenierung kann das Militär und der Krieg selbst harmlos erscheinen oder ganz aus dem Blick geraten.
Was in Film und Serie als Heldinnengeschichte funktioniert, findet auf TikTok und Instagram seine alltägliche Variante: die Soldatin als Influencerin.Unter Hashtags wie #WomenInUniform (externer Link, öffnet neues Fenster) zeigen Frauen Training, Uniformen, Ausrüstung und Routinen. Militärdienst wird mit Fitness, Karriere, Selbstbewusstsein und persönlicher Entwicklung verbunden.
Das Problem liegt dabei nicht in der individuellen Selbstdarstellung der Soldatinnen. Problematisch wird es dort, wo Empowerment und militärische Stärke nahezu synonym werden: Wenn Selbstermächtigung über Waffen, Uniform und militärische Leistungsfähigkeit erzählt wird, erscheint die Institution selbst als Instrument feministischer Emanzipation. Auch Themen wie Schwangerschaft, Vereinbarkeit von Dienst und Privatleben oder passgenaue Ausrüstung können so vor allem als Fragen eines modernen Arbeitsplatzes erscheinen. Die grundsätzliche Frage nach Militarisierung und organisierter Gewalt gerät aus dem Blick. Die Soldatin wird damit zur Lifestyle-Identität, entkoppelt von den politischen und gewaltförmigen Dimensionen des Militärs.
Über Journalismus, Werbung, Film, Serien und Social Media hinweg lassen sich wiederkehrende Muster erkennen:
Auffällig ist: Krieg und Militär werden emotional, visuell und spektakulär erzählt, als Bühne für individuelle Stärke, nicht als System von Gewalt und Herrschaft.
Beitrag von Robin Welsch. Online Redaktion von Fabian Riess. Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht, es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.
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