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Juli
2026

Feminismus in Uniform: Barbie im Emanzen-Panzer? Die mediale Inszenierung der Soldatin

Ob Nachrichtenartikel, Werbekampagne, Kinofilm oder TikTok-Feed: Soldatinnen erscheinen in den Medien zunehmend als selbstbewusste, starke und emanzipierte Frauen. Ihre Sichtbarkeit kann zunächst wie ein feministischer Fortschritt wirken. Doch welche Vorstellungen von Emanzipation werden dabei eigentlich vermittelt? Und was verschwindet aus dem Bild, wenn militärische Stärke als feministische Stärke erzählt wird?

Der folgende Beitrag zeigt, wie die Figur der kämpfenden Frau in unterschiedlichen Medien zwischen Emanzipation, Exotik, Lifestyle und Heldinnen-Narrativ inszeniert wird.

1. Die kämpfende Frau und ihre mediale Darstellung

Die Figur der bewaffneten, soldatischen Frau ist im Journalismus weniger reine Abbildung als auch Projektion. Ein besonders prägnantes und ambivalentes Beispiel ist die westliche Berichterstattung über die sogenannten „Amazonen“ Gaddafis, die weibliche Leibgarde des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi. Gaddafi setzte die Frauen gezielt für seine politische Selbstdarstellung ein. Gleichzeitig wurden sie von westlichen Medien als exotische, geheimnisvolle und häufig sexualisierte „Amazonen“ inszeniert. Der Begriff selbst ist bereits aufgeladen: Er stammt aus der griechischen Mythologie und wurde übernommen, um die Frauen als außergewöhnliche, männergleiche und zugleich exotische Kriegerinnen darzustellen.

Gaddafi mit Leibwächterinnen
Damit entstand ein Bild, in dem die Frauen weniger als politische Subjekte mit eigenen Erfahrungen und Interessen erschienen, sondern als Projektionsfläche für unterschiedliche politische Vorstellungen: für Gaddafis Image ebenso wie für westliche Vorstellungen von der „exotischen Kriegerin“ und der vermeintlich rückständigen arabischen Gesellschaft. Gerade hier zeigt sich, wie ambivalent der Blick auf Frauen im Militär sein kann. Die Kritik an autoritären und patriarchalen Verhältnissen darf nicht dazu führen, westliche Darstellungen von Frauen im Nahen Osten und in Nordafrika unkritisch als emanzipatorisch zu übernehmen. Auch die Situation libyscher Frauen wurde im Kontext der internationalen Intervention 2011 politisch instrumentalisiert. Frauenrechte konnten dabei als Teil einer humanitären Begründung westlicher Intervention erscheinen, während die langfristigen Folgen des militärischen Eingreifens für die libysche Bevölkerung und insbesondere für Frauen kaum im Zentrum standen. Das bedeutet nicht, die Grausamkeiten und Repressionen des Gaddafi-Regimes zu relativieren. Es bedeutet vielmehr, danach zu fragen, wer Frauen darstellt, zu welchem Zweck und welche politischen Interessen mit diesen Bildern verbunden sind.  
zwei soldatinnen die sich gegenseitig mit matsch beschmieren und dabei spaß haben
Die Frauen werden so zur Projektionsfläche: Nicht ihre komplexen Lebensrealitäten stehen im Mittelpunkt, sondern das, wofür sie in einer bestimmten Erzählung stehen sollen. Dieses Muster findet sich auch in anderen Darstellungen von Soldatinnen. Frauen aus nicht-europäischen bzw. nicht-westlichen Ländern werden beispielsweise als „besonders hart“, „männlich“, exotisch oder besonders und ungewöhnlich dargestellt. Europäische Soldatinnen werden dagegen häufiger als modern, freundlich, attraktiv und leistungsfähig inszeniert, doch auch hier werden Körper und Attraktivität immer wieder mit militärischer Stärke verbunden.

Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Frauen als Kämpferinnen sichtbar werden, sondern wie diese Sichtbarkeit gestaltet wird.

2. Der „progressive“ Arbeitgeber: Werbestrategien der Bundeswehr

Die Bundeswehr inszeniert sich seit einigen Jahren gezielt als moderner, inklusiver Arbeitgeber. Formate wie Die Rekrutinnen oder andere YouTube-Serien zeigen junge Frauen im Militäralltag: Kameradschaft, Herausforderungen, persönliche Entwicklung. 
Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird dieses Bild verstärkt: kurze Clips, persönliche Geschichten, Nahbarkeit. Die Botschaft ist klar – Soldatin sein ist ein Job wie jeder andere, nur spannender.

Diese Erzählweise folgt klaren Marketinglogiken:

Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird dieses Bild verstärkt: kurze Clips, persönliche Geschichten, Nahbarkeit und Lifestyle. Die Botschaft lautet: Soldatin sein ist ein Job wie jeder andere, nur spannender. Das lässt sich auch an der politischen Debatte über eine mögliche Wehr- oder Dienstpflicht beobachten. Forderungen nach einer Einbeziehung von Frauen werden unter anderem mit „Gleichberechtigung“ oder „Wehrgerechtigkeit“ begründet, teilweise mit Verweis auf skandinavische Modelle. 
Dadurch kann die Frage, ob Frauen Zugang zum Militär erhalten sollen, als Gleichstellungsfrage erscheinen, während die grundsätzliche gesellschaftliche Militarisierung, Aufrüstung und die politische Funktion militärischer Gewalt weniger thematisiert werden. 
Aber was passiert, wenn aus „Girl Power“ militärische Stärke wird? Genau hier liegt die Grenze zwischen feministischer Gleichberechtigung und ihrer Vereinnahmung durch militärische Institutionen. Das Problem ist nicht, dass Frauen im Militär sichtbar werden. Problematisch wird es dort, wo diese Sichtbarkeit dazu beiträgt, militärische Gewalt als modern, progressiv und emanzipatorisch erscheinen zu lassen.

Mehr zum neuen Wehrdienstgesetz findet ihr hier:

Wehrpflicht 2.0 oder freiwillig in den Krieg?

3. Soldatinnen in Filmen und Serien: Heldinnen oder Propaganda?

In der Popkultur hat sich die Soldatin von der Nebenfigur zur Hauptrolle entwickelt. Während Frauen im Kriegsfilm lange vor allem als wartende Ehefrauen, Helferinnen oder Opfer erschienen, treten sie zunehmend selbst als Kämpferinnen und Heldinnen auf. Diese Entwicklung kann zunächst als Fortschritt gelesen werden. Doch auch hier stellt sich die Frage: Welche Art von Emanzipation wird erzählt?

Einige prägnante Beispiele:

  • G.I. Jane (1997)
    Das klassische Narrativ der „ersten Frau“, die sich in einer Männerdomäne beweisen muss: Die Protagonistin wird zur Heldin, weil sie zeigt, dass sie genauso hart, belastbar und leistungsfähig sein kann wie ihre männlichen Kameraden. Das Problem: Gleichberechtigung wird vor allem als erfolgreiche Anpassung an eine bestehende militärische Struktur erzählt.
     
  • The Woman King (2022)
    Gina Prince-Bythewoods “The Woman King” brachte die Agojie, eine historische weibliche Eliteeinheit des westafrikanischen Königreichs Dahomey, als Heldinnen auf die Leinwand. Schwarze Frauen erscheinen als stark, strategisch und solidarisch. Gleichzeitig wird die Geschichte stark heroisiert. Die Beteiligung Dahomeys am transatlantischen Sklavenhandel und die Gewaltverhältnisse, in die das Königreich eingebunden war, treten weitgehend in den Hintergrund. Die Kamera inszeniert Muskeln, Schweiß und Körper; choreographierte Gewalt wird zur spektakulären Ästhetik. Was hier als feministische Stärke erscheint, folgt damit teilweise einer bekannten Logik: Emanzipation durch Kampf, Selbstbestimmung durch das Schwert.
     
  • Special Ops: Lioness (2023)
    Auch Special Ops: Lioness verbindet weibliche Stärke mit der Zugehörigkeit zu einer militärischen Eliteeinheit. Hochglanzästhetik, körperliche Leistungsfähigkeit und Individualisierung stehen im Mittelpunkt. Der Krieg wird dadurch vor allem zur Bühne individueller Bewährung. Die politischen Strukturen und Folgen des „Kriegs gegen den Terror“ treten gegenüber der Geschichte einzelner starker Frauen in den Hintergrund.
     
  • The Six Triple Eight (2024)
    The Six Triple Eight erzählt die Geschichte des ersten und einzigen überwiegend schwarzen Frauenbataillons des US-Militärs im Zweiten Weltkrieg. Die Sichtbarkeit Schwarzer Frauen und ihre historische Leistung sind dabei zentral. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob die notwendige Sichtbarmachung marginalisierter Frauen automatisch eine positive Erzählung über die militärische Institution hervorbringen muss.

• Women of the IDF (2025)

Besonders deutlich wird die Verschiebung vom klassischen Kriegsfilm zur Reality- und Lifestyle-Erzählung in der Reality Serie Women of the IDF.
Der Trailer zur Serie zeigt junge Soldatinnen, ihren Alltag, Freundschaften und persönliche Erfahrungen. Das Militär erscheint dabei weniger als Institution organisierter Gewalt und vielmehr als sozialer Lebensraum. Die Darstellung erinnert teilweise eher an ein Jugend- oder Reality-Format, als an eine klassische Kriegsdokumentation. 
Die Serie Women of the IDF präsentiert ihre Protagonistinnen zunächst als junge Frauen, die scheinbar einem ganz gewöhnlichen Alltag nachgehen: Sie treffen Freundinnen, gehen feiern, daten und verbringen Zeit am Strand. 
Erst daneben erscheint ihr militärischer Alltag: Grenzpatrouillen, Waffen und Einsätze.
Die Serie verbindet damit zwei eigentlich gegensätzliche Lebenswelten und macht den Militärdienst selbst zum Bestandteil eines jugendlichen Lifestyle-Narrativs. Diese Verbindung scheint politisch gewollt. Das Militär wird nicht primär als Institution organisierter Gewalt, sondern als Arbeitsplatz, Freundeskreis und Teil einer individuellen Lebensgeschichte gezeigt. Jeglicher humanitärer, sozialer, (geo-)politischer oder internationaler Kontext wird ausgeblendet. 
Die Soldatin wird damit nicht nur als Kämpferin, sondern als „ganz normale junge Frau“ inszeniert, und genau dadurch kann die militärische Dimension ihres Handelns, die real stattfindende Gewalt, in den Hintergrund treten.

Trailer "Women of the IDF": Was sehen wir, und was sehen wir nicht?

Die offizielle Website beschreibt die Serie selbst mit dem Slogan:

“They’re Just Like Us, Only Slightly More Awesome.”

Die Struktur der Serie folgt dem Alltag der Soldatinnen.
Wochenende: Freundinnen, Club, Männer, Dating, Strand, Bräune.
Wochentage: Grenzpatrouillen, Terrorverdächtige festnehmen, Militärbasen, M16-Panzer.

Amazon Prime kategorisiert die Serie unter „Dokumentationen“, „ohne Drehbuch“ und „Geschichten die Stärken“, ab 16 Jahren. Eine Episode wird damit beschrieben, dass die Frauen im Urlaub ihre Uniformen gegen Clubkleidung tauschen und sich High Fashion und einem Fotoshooting widmen. Diese Alltäglichkeit vermittelt den Zuschauenden Vertrautheit und Sympathie und bietet sogar Identifikation mit den Figuren. Durch diese Inszenierung kann das Militär und der Krieg selbst harmlos erscheinen oder ganz aus dem Blick geraten.

4. Social Media: Militär-Influencerinnen

Was in Film und Serie als Heldinnengeschichte funktioniert, findet auf TikTok und Instagram seine alltägliche Variante: die Soldatin als Influencerin.
Unter Hashtags wie #WomenInUniform (externer Link, öffnet neues Fenster) zeigen Frauen Training, Uniformen, Ausrüstung und Routinen. Militärdienst wird mit Fitness, Karriere, Selbstbewusstsein und persönlicher Entwicklung verbunden.

Drei Elemente sind dabei besonders auffällig:

Das Problem liegt dabei nicht in der individuellen Selbstdarstellung der Soldatinnen. Problematisch wird es dort, wo Empowerment und militärische Stärke nahezu synonym werden: Wenn Selbstermächtigung über Waffen, Uniform und militärische Leistungsfähigkeit erzählt wird, erscheint die Institution selbst als Instrument feministischer Emanzipation. Auch Themen wie Schwangerschaft, Vereinbarkeit von Dienst und Privatleben oder passgenaue Ausrüstung können so vor allem als Fragen eines modernen Arbeitsplatzes erscheinen. 
Die grundsätzliche Frage nach Militarisierung und organisierter Gewalt gerät aus dem Blick. Die Soldatin wird damit zur Lifestyle-Identität, entkoppelt von den politischen und gewaltförmigen Dimensionen des Militärs.

5. Was sehen wir, und was verschwindet?

Über Journalismus, Werbung, Film, Serien und Social Media hinweg lassen sich wiederkehrende Muster erkennen:

  • Heldinnen-Narrativ: Einzelne Frauen werden als Ausnahmefiguren inszeniert – stark, belastbar, „die Erste ihrer Art“.
  • Elite- und Leistungsfokus: Spezialeinheiten, harte Auswahlverfahren, körperliche Extremleistungen stehen im Mittelpunkt. Weibliche Stärke wird über militärische Leistungsfähigkeit sichtbar gemacht.
  • Ästhetisierung und Lifestyle: Besonders in sozialen Medien verschmilzt Militär mit Selbstinszenierung, Fitness und Markenbildung.
  • Individualisierung statt Strukturkritik: Persönliche Geschichten dominieren. Politische Zusammenhänge, Machtstrukturen und gesellschaftliche Folgen bleiben im Hintergrund.
  • Sexualisierung und Male Gaze: Soldatinnen entsprechen häufig weiterhin normierten Schönheitsidealen. Stärke wird akzeptiert, solange sie attraktiv bleibt.

Auffällig ist: Krieg und Militär werden emotional, visuell und spektakulär erzählt, als Bühne für individuelle Stärke, nicht als System von Gewalt und Herrschaft.

Militarismus und Pinkwashing

eine landkarte auf der ein spruch steht
Die mediale Figur der Soldatin wirkt auf den ersten Blick wie ein Fortschritt: Frauen sind sichtbar, stark und präsent. Doch die Integration von Frauen oder queeren Menschen verändert nicht automatisch die zugrunde liegende Logik einer Institution. Auch wenn sich Bundeswehr, Verteidigungsministerium oder Soldat*innen mit Regenbogenfahnen präsentieren, wird Aufrüstung und Krieg dadurch nicht queer oder feministisch. Militarismus bleibt mit Hierarchien, Gewalt und gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden. Ein linker, antikapitalistischer Feminismus würde deshalb genau bei diesen Fragen ansetzen: Wozu Krieg, Gewalt und Zerstörung? Wem dient Militarismus? Welche gesellschaftlichen Verhältnisse werden durch militärische Gewalt hergestellt oder aufrechterhalten? Die Perspektive verschiebt sich damit weg von militärischer „Stärke“ und hin zu den Ursachen und Konsequenzen von Gewalt. Queering the Map (externer Link, öffnet neues Fenster) ist eine Website auf der queere Menschen weltweit ihre Stimme teilen. Das Bild zeigt die Nachricht einer queeren Person aus Gaza.

Feminismus heißt Antimilitarismus!

aktivistinnen die schilder hochhalten "stop war"
Wenn man den medialen Bildern von Soldatinnen folgt, wirkt es oft so, als sei Gleichberechtigung dann erreicht, wenn Frauen und Queers in allen Bereichen „mitmachen“ dürfen, auch im Militär. Eine antimilitaristische feministische Perspektive stellt deshalb eine andere Frage: Nicht wer kämpfen darf, sondern warum überhaupt gekämpft wird. Feminismus muss nicht bedeuten, Frauen möglichst gleichberechtigt in bestehende Machtstrukturen zu integrieren. Er kann ebenso bedeuten, diese Strukturen selbst zu hinterfragen. Nicht die einzelne Frau, die sich im Militär behauptet, steht im Zentrum, sondern die Frage, wie sich Gewaltverhältnisse insgesamt überwinden lassen.

Antimilitaristischer Feminismus bedeutet daher nicht: Frauen an die Front. Sondern: Schluss mit der Logik der Fronten und der Militarisierung der Gesellschaft!

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Beitrag von Robin Welsch. Online Redaktion von Fabian Riess. Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht, es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.

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