In der heutigen Stadtplanung besteht der Anspruch, Städte für alle Menschen zu gestalten. Doch entspricht das der Realität? Personen, die Angehörige zu Ärzt*innenterminen begleiten, mit Kindern im öffentlichen Raum unterwegs sind oder Sorge- und Lohnarbeit miteinander vereinbaren müssen, stoßen im urbanen Alltag immer wieder auf strukturelle Hürden.
In diesem Beitrag erfahrt ihr, warum das so ist und wie die 15-Minuten-Stadt dieses strukturelle Problem lösen würde.
Unsichere Wege für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, lange Distanzen zu Versorgungseinrichtungen sowie ein schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr abseits von Zentren. Diese Hürden entstehen nicht zufällig, sondern sind historisch bedingt. Denn obwohl Sorgearbeit essenziell für unser Zusammenleben ist, bleibt sie meist unsichtbar und un(ter)bezahlt – und wird gesellschaftlich wie auch in der Stadtplanung kaum berücksichtigt. Da Sorgearbeit in unserer Gesellschaft noch immer überwiegend von weiblich sozialisierten Menschen übernommen wird, wie der Gender Care Gap des statistischen Bundesamts (externer Link, öffnet neues Fenster) zeigt, sind sie besonders von diesen Ausschlüssen betroffen. Das ist nicht nur ungerecht, sondern entscheidet ganz konkret darüber, wer in der Stadt mobil, sicher und versorgt ist und wer eben nicht.
Dass Menschen, die Sorgearbeit leisten, in der Gestaltung heutiger Städte kaum berücksichtigt werden, hat seinen Ursprung unter anderem im Leitbild der funktionalen Stadt. Dieses prägte die moderne Stadtplanung im Nachkriegsdeutschland und beeinflusste damit entscheidend den Wiederaufbau deutscher Städte. Dem Leitbild folgend wurde die Stadt – ähnlich einer Maschine – in verschiedene Funktionen aufgeteilt: Wohnen, Arbeit, Freizeit und Verkehr. Im Zentrum konzentrierten sich Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangebote. Am Stadtrand hingegen entstanden Wohngebiete im Grünen – Orte der Ruhe und Entspannung nach einem langen Arbeitstag. Diese waren jedoch häufig nicht gut an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen und oft nur über große Straßen mit dem Auto gut zu erreichen. Diese Logik prägt den Bau deutscher Städte bis heute.
Die 15-Minuten-Stadt ist ein stadtplanerischer Ansatz, dessen Ziel es ist, Städte so zu gestalten, dass alle wesentlichen Lebensbereiche – wie Wohnen, Arbeit, Bildung, Einkaufen und Freizeit – innerhalb von 15 Minuten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Der Ursprung des Modells liegt dabei im Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“, das ausgehend von einer feministischen Perspektive die Bedürfnisse von Menschen, die Sorgearbeit leisten, in den Mittelpunkt rückt.
Daraus ergeben sich zentrale Fragen:
Die Art und Weise, wie Städte geplant werden, ist nicht neutral, sondern spiegelt gesellschaftliche Machtverhältnisse wider. Die funktionale Stadt hat Sorgearbeit lange unsichtbar gemacht und damit vor allem die Lebensrealitäten von Frauen, Kindern, älteren Menschen und anderen marginalisierten Gruppen ausgeblendet. Die 15-Minuten-Stadt bietet die Chance, Stadtplanung neu zu denken: alltagsnah, gerecht und orientiert an den Bedürfnissen derjenigen, die Stadt täglich organisieren und am Laufen halten. Somit wird Sorgearbeit in der Stadtplanung in den Fokus gerückt und der Grundstein zur Gestaltung einer Sorgenden Stadt gelegt.
Beitrag von Miriam Kreuzer. Online Redaktion von Fabian Riess.Dieser Beitrag wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz CC veröffentlicht. Etwaige Quellen der Bilder müssen genannt werden, falls diese auch hier im Beitrag genannt werden.Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Vergiss nicht, es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.
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