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Juli
2025

Worte des Widerstands: Was steckt hinter Demosprüchen?

Ob „No Border, No Nation – Stop Deportation!“ oder „Hanau war kein Einzelfall“ – Demosprüche sind mehr als nur laute Worte. Sie sind Kampfansagen gegen Rassismus, gegen staatliche Gewalt, gegen das EU-Grenzregime. Sie stehen für eine ‘Gesellschaft der Vielen’ – für Solidarität, Gerechtigkeit und das Recht sich frei zu Bewegen.

Die Geschichten hinter bekannten Demosprüchen

Menschen mit Schildern auf denen migrationspolitische Demosprüchen stehen.
In diesem Beitrag werden die Geschichten und politischen Kämpfe hinter bekannten Slogans der antirassistischen und migrationspolitischen Bewegungen erklärt. Worum geht’s bei der Kritik an der „Festung Europa“? Warum soll Seenotrettung plötzlich ein Verbrechen sein? Was bedeutet eigentlich „Kein Mensch ist illegal“ – und wer war Oury Jalloh?

Diese Sprüche kommen aus realem Widerstand – von People of Color, Sans-Papiers, migrantischen Communities und solidarischen Gruppen. Sie erzählen von Gewalt, Ignoranz und Widerstand. Und sie fordern: Schluss mit Abschottung, Schluss mit Abschiebungen und Schluss mit der Unterdrückung.

Brick by brick, wall by wall, make the fortress Europe fall!

Schild mit der Beschriftung: Fahren statt Frontex
Der Spruch stammt aus antirassistischen und pro-migrantischen Bewegungen. Er wird häufig auf Demonstrationen verwendet, die sich gegen die europäische Abschottungspolitik und für globale Bewegungsfreiheit einsetzen. Gemeint ist damit die Kritik an der sogenannten „Festung Europa“ – einem System aus physischen, rechtlichen und politischen Barrieren, das den Zugang zur EU für Migrant*innen und Geflüchtete massiv erschwert oder ganz verhindert. Diese Barrieren zeigen sich nicht nur an den Außengrenzen in Form von Zäunen, Mauern oder Pushbacks, sondern auch durch andere Beschränkungen, wie administrative (Visa-Vergabe), rechtliche (Verschärfung von Asylgesetzen) und gesellschaftlichen (Rassismus). Der Spruch richtet sich insbesondere gegen die Rolle von Frontex, der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache, und die damit verbundene Militarisierung und Externalisierung der europäischen Grenzpolitik.

No Border, No Nation, Stop Deportation!

Schild mit der Aufschrift: No Border, no Nation
Der Spruch kam Ende der 1990er Jahre auf im Zuge der Gründung des europaweiten No-Border-Netzwerkes und nimmt Bezug auf die damals weit verbreitete anti-nationale Haltung vieler anti-autoritärer Linker. Er fordert Bewegungsfreiheit für alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder Nationalität und den Stopp von Abschiebungen. Er kritisiert den Nationalstaat als nicht „natürliche“, sondern als eine künstlich hergestellte Herrschaftsform. Diese privilegiert bestimmte Gruppen (z.B. weiße Bürger*innen) und unterdrückt andere (z.B. schwarze Nicht-Staatsangehörige).

No Justice - No Peace!

Menschen halten Schilder mit der Aufschrift: No Jstice no Peace
Der Spruch stammt ursprünglich aus den Bürgerrechts- und antirassistischen Bewegungen in den USA, insbesondere aus den Protesten gegen Polizeigewalt und rassistische Ungerechtigkeit in den 1980er Jahren. Besonders verbreitet wurde der Slogan ab 1986, als der Bürgerrechtler Al Sharpton ihn bei Demonstrationen verwendete, etwa im Fall von Michael Griffith, einem schwarzen Teenager, der Opfer eines rassistischen Angriffs wurde. Der Spruch erlebte eine erneute weltweite Verbreitung nach dem Mord an George Floyd im Jahr 2020, als er bei den Black Lives Matter-Protesten millionenfach auf Bannern, Plakaten und in sozialen Medien verwendet wurde.

Say it loud, say it clear, refugees are welcome here!

Schilder mit der Aufschrift: Refugees welcome
Dieser viel verwendeter Demospruch entstand Anfang der 2000er Bewegung in der englischsprachigen antirassistischen Bewegung. In Deutschland wurde der Spruch im Sommer der Migration 2015 populär. Der Sommer der Migration 2015 war eine historische und strukturelle Niederlage des EU-Grenzregimes. In der Fortsetzung der revolutionären Protestbewegungen in Syrien (und weiteren Ländern in Westasien und Nordafrika) überwanden hunderttausende Menschen die Grenze der EU und zwangen das EU-Grenzregime zu einer Politik der offenen Grenzen. Dem Sommer der kollektiven Grenzüberschreitungen und der Solidarität folgte ein massiver Backlash. Seitdem ist das EU-Grenzregime geprägt von massiven Asylverschärfungen, dem Ausbau der physischen und digitalen Grenzsicherung, dem Anstieg der Grenzgewalt und der Vorverlagerung der Grenzen.

Hanau war kein Einzelfall!

Schild mit der Aufschrift: Hanau war kein Einzelfall!
Der Spruch stellt sich gegen die verharmlosende Darstellung rechter Gewalt als isolierte Taten vermeintlich „verrückter Einzeltäter“ und benennt stattdessen die strukturellen Ursachen und die Kontinuität rassistischer Gewalt in Deutschland. Er macht deutlich, dass rechter Terror in Deutschland systematisch und nicht zufällig ist und stellt den rassistischen Anschlag in Hanau bei dem am 19. Februar 2020 neun Menschen ermordet wurden, in eine Reihe mit anderen rassistischen oder rechtsextremen Gewalttaten, zum Beispiel: die Morde von Mölln (1992), Solingen (1993) und Lübeck (1996), als auch die NSU-Morde (2000–2007) und den Anschlag in Halle (2019). Der Spruch impliziert, dass staatliche Institutionen (Polizei, Verfassungsschutz, Justiz) oft nicht geschützt, sondern versagt haben. Zudem wurden Hinweise ignorierten (wie im Fall Hanau oder NSU) und rassistische Narrative (wie „Clan-Kriminalität“) reproduziert. „Kein Einzelfall“ heißt: Behörden tragen Mitverantwortung. Der Spruch drückt Solidarität mit den Betroffenen aus und fordert Aufklärung, Konsequenzen und Erinnerung.

Seenotrettung ist kein Verbrechen!

Sea Rescue is not a crime, als Aufschrift auf einem Banner.
Der Spruch richtet sich gegen die Kriminalisierung ziviler Seenotrettung im Mittelmeer. Er weist darauf hin, dass Menschen in Seenot zu retten nach internationalen Seerecht eine moralische und rechtliche Pflicht ist. Wer Menschen in Seenot sieht, muss helfen – unabhängig von Herkunft, Pass oder Absichten. Doch Staaten wie Italien, Malta oder Griechenland – mit stillschweigender Unterstützung anderer EU-Staaten – haben in den letzten Jahren zivile Seenotretter*innen (z. B. Von Sea-Watch, SOS Méditerranée, Iuventa) juristisch verfolgt, ihre Schiffe festgesetzt oder blockiert und ihnen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ oder „Schlepperei“ vorgeworfen. Anstatt sich für sichere Fluchtwege einzusetzen, betreibt die EU mit der Grenzschutzagentur Frontex eine Politik, die Flucht über das Mittelmeer gefährlich, lebensbedrohlich und abschreckend machen soll. Der Spruch ist ein Ruf nach Solidarität mit Menschen auf der Flucht, legalen Fluchtwegen und einem Ende der mörderischen Abschottungspolitik der EU.

Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht über all!

Schild mit der Aufschrift: Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht über all!
Der Demospruch ist ein zentraler Slogan in der antirassistischen, migrationspolitischen und linken Bewegung. Er verbindet zwei starke Aussagen: die Ablehnung der Kategorisierung von Menschen als „illegal“ und die Forderung nach einem universellen Bleiberecht – unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus oder Papieren. Er entstand in den 1990er-Jahren im Umfeld der Bewegung „Kein Mensch ist illegal“, die sich gegen die Kriminalisierung von Geflüchteten und Migrant*innen einsetzte. Der Spruch steht für globale Solidarität, radikale Menschlichkeit und das Recht, sich ein Zuhause frei zu wählen.

Ohlala, Ohlélé, solidarité avec les sans-papiers!

Banner mit der Aufschrift: Frontex abschaffen, Solidarité avec les sans papiers.
Der Spruch stammt aus dem französischsprachigen Protestkontext und bedeutet übersetzt: „Ohlala, Ohlélé – Solidarität mit den Papierlosen!“ Er stammt aus den 1990er Jahren und wurde durch die Bewegungen von mit Sans-papiers geprägt, wie beispielsweise durch deren Besetzung der Kirche Saint-Bernanrd 1996 in Paris. „Sans-papiers“ ist ein Begriff aus dem Französischen und bezeichnet Menschen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus in einem Land leben. Sie leben oft in prekärer, rechtloser und ausgebeuteten Situation, haben kaum Zugang zu Arbeit, Bildung, Gesundheit oder Rechtsschutz – und sind ständig von Abschiebung bedroht. Der Spruch steht für Solidarität mit den Schwächsten im Migrationssystem und gegen ein System, das Papiere über Menschenleben stellt.

Oury Jallo das war Mord - Widerstand an jedem Ort!

Oury Jallo das war Mord - Aufklärung jetzt! Auf einem Banner
Dies ist ein kraftvoller, politischer und wütender Spruch aus der antirassistischen Bewegung in Deutschland. Er bezieht sich auf den Tod von Oury Jalloh, einem Geflüchteten aus Sierra Leone, der am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle in Dessau (Sachsen-Anhalt) unter bis heute ungeklärten Umständen verbrannte. Die Aussage des Spruchs „das war Mord“ widerspricht der offiziellen Version: dass Oury Jalloh sich angeblich selbst angezündet habe, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war, ein Feuerzeug angeblich erst später „gefunden“ wurde. Zahlreiche Untersuchungen und Gutachten weisen auf massive Ungereimtheiten hin und es bestehen Hinweise auf Vertuschung durch Polizei und Justiz. Die Aussage „das war Mord“ ist ein politischer Vorwurf: Es war nicht Suizid – sondern tödliche rassistische Polizeigewalt und anschließende Vertuschung.

Der Spruch ist ein Ausdruck der Wut über institutionellen Rassismus, Straflosigkeit und mangelnde Aufklärung – auch 20 Jahre später. Getragen wird er vor allem von der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“, Angehörigen, Aktivist*innen und antirassistischen Gruppen. Er steht nicht nur für den konkreten Fall, sondern für viele weitere Todesfälle in staatlichem Gewahrsam mit rassistischem Hintergrund – z. B. Amed Ahmad, Achidi John, N'deye Mareame Sarr.  

We are here and we fight. Freedom of Movement is everybody's right!

Banner mit der Aufschrift: Freedom of Movement
Der Spruch ist ein kämpferischer, international geprägter Slogan der migrantischen Selbstorganisation und antirassistischen Bewegung. Er wird häufig von Geflüchteten und Migrant*innen selbst verwendet – besonders in Protestcamps, Demonstrationen oder politischen Aktionen in Deutschland und Europa. Der Spruch durchbricht die passive Darstellung von Geflüchteten als bloße Schutzsuchende. Er ist ein Ausdruck von Widerstand, Selbstbewusstsein und kollektiver Organisierung. Zudem fordert der Spruch die Einhaltung des fundamentalen Menschenrechts, sich frei bewegen zu können, welches in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Art. 13) verankert ist – aber faktisch nur für privilegierte Staatsbürger*innen (z. B. EU-Pässe) gilt. Der Spruch ist eng verbunden mit Bewegungen wie dem Refugee Protest March, der Oranienplatz-Proteste, Lampedusa in Hamburg, We’ll Come United und No Border Camps. Er ist Teil einer internationalistischen Perspektive: gegen Rassismus, Kolonialismus, Abschottung und für globale Gerechtigkeit.

Nutzen und Teilen

Beitrag von Lina Urbat und Alina Kopp. Online Redaktion von Alina Kopp.

Der Text wird unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz  (externer Link, öffnet neues Fenster)CC BY-NC-SA 4.0 (externer Link, öffnet neues Fenster)  (externer Link, öffnet neues Fenster)veröffentlicht. Teile, nutze oder adaptiere diesen Beitrag für deine Bildungsarbeit. Fotos von Rasande Tyskar (externer Link, öffnet neues Fenster) unter der Lizenz CC BY-NC 2.0 (externer Link, öffnet neues Fenster)via Flickr. Vergiss nicht es weiter unter den gleichen Bedingungen zu veröffentlichen und dabei LINX und die Autor*innen zu erwähnen.

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